Dienstag, 11. Dezember 2018

Investieren in Facebook, Google und Apple Wetten auf das Ende des Kapitalismus

Google, Apple, Facebook und Amazon: Die vier Tech-Giganten streben nach Monopolstellung

Unmittelbar vor Bekanntgabe der Zahlen zum zweiten Quartal 2018 erreichte die Facebook-Aktie ein neues Allzeithoch. Wer zu diesem Aktienkurs verkauft hat, hat ein tolles Geschäft gemacht. Es folgte ein gewaltiger Kurseinbruch, der binnen kürzester Zeit 150 Milliarden US-Dollar Marktwert pulverisierte. Inzwischen wäre es möglich, die Facebook-Aktien 25 Prozent günstiger zurückkaufen. Ob man dies tun sollte oder nicht, ist allerdings weit mehr als eine normale Anlageentscheidung. Sie ist verknüpft mit der viel grundlegenderen Frage, wie unser Wirtschaftssystem langfristig aussehen wird. Und ob die Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, noch eine Zukunft hat.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Geschäftsführer der DVAM Vermögensverwaltung GmbH. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der individuellen Vermögensverwaltung und dem strategischen Finanzmanagement auf überwiegend langfristiger, makroökonomischer Basis. Aktuell hat Markus Schön ein Buch über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps "Twittern zur Planwirtschaft" geschrieben.

Für die hohen Bewertungen gibt es nur eine Rechtfertigung

Die extrem hohen Bewertungen von Unternehmen wie Amazon, Google, Facebook oder Twitter haben nur eine Berechtigung, wenn diese ihre ohnehin vielfach marktbeherrschende Stellung zu Monopolen ausbauen können. Facebook hat beim jüngsten Kursrutsch so viel Kapital vernichtet, wie die deutschen Konzerne BMW, Linde und Lufthansa zusammen genommen wert sind. Selbst nach dem Absturz weist Facebook eine Marktkapitalisierung auf, die fast 40 Prozent des Werts aller 30 Dax-Konzerne entspricht.

Noch extremer werden diese Zahlen, wenn man Apple und Amazon betrachtet: Beide US-Konzerne liefern sich einen Wettlauf, wer zuerst den Unternehmenswert von 1 Billion US-Dollar erreicht. Dies entspräche dann faktisch dem Wert aller im deutschen Leitindex gehandelten Unternehmen, inklusive Siemens, SAP und Volkswagen. Das heißt, die Börse misst einer einzigen Firma, die über keine eigene Fertigungsexpertise verfügt und außer IT-Patenten und dem eher immateriellen Firmenwert keine wirklich bilanzierbaren Vermögenswerte besitzt, denselben Wert bei wie all diesen etablierten und für den Wohlstand Deutschlands wesentlichen Unternehmen.

Vom Kapitalismus zum Plattformkapitalismus

Klassische Produktionspatente, Betriebsstätten und nicht zuletzt die rund vier Millionen Beschäftigten der Dax-Konzerne spielen hingegen aus Sicht der Kapitalmärkte kaum noch eine Rolle. Ein modernes Unternehmen muss digital sein. Alles, was man anfassen kann, erscheint überflüssig beziehungsweise wird nach der Denkweise des Silicon Valley als Belastung betrachtet. So bekommt der Sachwertcharakter einer Aktie eine völlig andere Bedeutung.

Moderne Unternehmen stellen in dieser Welt nur noch die Plattform dar, über die Konsumenten, Institutionen und Unternehmen ihren Bedarf zu decken. Nur so kann mit einer überschaubaren Anzahl von Beschäftigten - bei Facebook arbeiten immerhin 30.000 Menschen - eine Produktivität geschaffen werden, mit der die Rentabilität pro Mitarbeiter auch nur in Ansätzen die hohen Marktbewertungen rechtfertigt. Diese können Produktionsunternehmen und selbst IT-Konzerne wie SAP systembedingt nicht erreichen. Amazon gelingt dies nur, weil der Konzern die Kunden zur Mitarbeit zwingt. Alle im Bestellvorgang erforderlichen Daten müssen kundenseitig bereitgestellt werden. Daher braucht Amazon kein Verkaufspersonal. Der kundenseitige Mehrwert ist die größere Auswahl, die schnellere Verfügbarkeit von Waren und vielfach - noch - der günstigere Preis.

Der Preis des Monopolismus

Nun stellt sich allerdings die Frage, warum Produzenten ihre Waren und Dienstleistungen über diese Plattformen anbieten sollten. Die Antwort aus Sicht der Börse ist einfach: Weil Amazon oder Facebook alternativlos werden. Wenn es keine Alternative mehr gibt, spricht man systemisch von einem Monopol - eine Angebotsform, auf die unser marktwirtschaftliches System nicht ausgelegt ist, die dem Kapitalismus sogar zuwiderläuft. In diesem Szenario würden die verbleibenden, vermutlich ausschließlich US-amerikanisch geprägten Technologieunternehmen nicht nur die Bedingungen für die Anbieter festlegen, sondern sie hätten dann auch die absolute Preissetzungsmacht. Man könnte dann beispielsweise seine Kleidung oder Schuhe nirgendwo anders mehr bestellen als bei Amazon; um Nachrichten zu erhalten, müsste man Facebook nutzen. Es gäbe schließlich keine Alternative mehr.


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In diesem Fall wären die aktuellen Aktienkurse von Apple, Amazon, Alphabet oder Facebook gerechtfertigt und vielleicht sogar noch zu niedrig. Man muss sich aber auch als Anleger die Frage stellen, inwieweit ein solches Wirtschaftsmodell des Monopolismus eine kapitalistisch geprägte Wirtschaftsordnung ersetzen kann und vor allen Dingen ersetzen sollte. Etablierte Konzerne würden in den meisten Industriestaaten zu Produktionsstätten für die Monopolplattformen degradiert. Die deutsche Industrie mutierte zur verlängerten Werkbank von US-Technologieplattformen. Damit wären für breite Bevölkerungsschichten gerade in Europa erhebliche Vermögensverluste verbunden.

Es wäre zudem ein Rückschritt hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, aber auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten extrem fragwürdig. US-Digitalkonzerne sind auf den schnellen Konsum ausgelegt, was zu einem noch höheren Verbrauch an natürlichen Ressourcen und noch größeren Umweltproblemen führen würde.

Die Lehren aus der Kurskorrektur

Vor diesem Hintergrund ist die bislang eher noch leichte Kurskorrektur bei Technologiewerten zu begrüßen. Gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich wäre sogar eine stärkere Kurskorrektur geboten. Denn wenn man als Anleger nicht erwartet, dass die Plattformunternehmen eine Monopolstellung erreichen werden, sind sie immer noch drastisch überbewertet. Es ist allerdings fraglich, ob sich ein solcher längerfristiger Blickwinkel wieder an den Kapitalmärkten durchsetzt - und wenn ja wann. Die Gier und die bloße Möglichkeit einer marktbeherrschenden Stellung der Plattformunternehmen werden viele Anleger weltweit weiter antreiben.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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