Mittwoch, 19. September 2018

EZB-Geldpolitik erfreut Börsianer Wie Mario Draghi zum Freund der Geldanleger wurde

Erfreulich zögerlich: EZB-Präsident Mario Draghi

Die Europäische Zentralbank bleibt bei ihrem Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik auf Kurs. Investoren an den Finanzmärkten begrüßen das, obwohl ihnen die Liquidität bald fehlen wird - warum eigentlich?

Auf den ersten Blick könnte die Konstellation verwundern: Gleich zwei Notenbanken haben in dieser Woche geldpolitische Zügelungen bekannt gegeben - und in beiden Fällen reagierten die Finanzmärkte erfreut.

Erst setzte die Zentralbank der Türkei ihren Leitzins gleich um 6,25 Prozentpunkte auf 24 Prozent herauf. Ein Schritt, den Investoren begrüßten, weil er angesichts der Talfahrt der türkischen Lira sowie der bereits erkennbaren Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes dringend erforderlich erschien. Zudem machten die Notenbanker ihre Unabhängigkeit vom türkischen Präsidenten Erdogan deutlich, der sich noch kurz zuvor gegen höhere Zinsen ausgesprochen hatte. Folge: Die Lira gewann nach der Maßnahme schlagartig 5 Prozent an Wert.

Größere Bedeutung auch für die meisten Anleger hierzulande dürfte zudem die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben, die wenig später ebenfalls am Donnerstag verkündet wurde. Die EZB unterstrich dabei ihr seit Jahren betont behutsames Vorgehen: So will die Notenbank zwar das Volumen ihrer Anleihenkäufe von bislang 30 Milliarden Euro im Monat ab Oktober auf 15 Milliarden Euro reduzieren. Den vollständigen Stopp der Käufe zum Ende dieses Jahres stellten die Banker um EZB-Präsident Mario Draghi jedoch weiterhin unter den Vorbehalt, dass die Wirtschaftsdaten dies dann auch zulassen müssen. Auch die Zinsen will die EZB noch bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus auf dem Rekordtief von 0 Prozent belassen.

Und siehe da: Auch die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank wurden von Investoren positiv aufgenommen. Die Aktienkurse erhielten einen Schub, der Euro legte gegenüber dem Dollar merklich zu.

Verwundern könnte diese Reaktion, weil sie eigentlich der Lehrbuchdarstellung der Ökonomie widerspricht. Zinsen rauf, Kurse runter, und umgekehrt - so lautet dort eine der wohl am häufigsten zitierten Faustregeln. Oder anders formuliert: Öffnen Zentralbanken die Geldschleusen, dann landet ein Großteil der Liquidität nicht selten am Finanzmarkt, wo er für steigende Kurse bei Aktien, Anleihen und anderen Assetklassen sorgt. Drehen Zentralbanken jedoch im Gegenzug den Geldhahn wieder zu, so ist eigentlich die gegenläufige Reaktion der Märkte zu erwarten: also beispielsweise sinkende Aktienkurse.

Jedenfalls in der Theorie. Das dies in der Praxis aktuell nicht zu beobachten ist - obwohl Kritiker seit Jahren vor dem Moment warnen, in dem die EZB ihre ultralockere Geldpolitik wieder zurückzufahren versucht - lässt sich mit einem einfachen Wort erklären: Vertrauen.

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