Donnerstag, 30. Juni 2016

"Aktienkultur" in Deutschland "Auf lange Sicht sind wir alle tot"

November 1996: Ex-Telekomchef Ron Sommer wirbt für ein Investment in die T-Aktie. Wer bei der zweiten oder dritten Tranche kaufte, hat bis heute Verluste im Depot - trotz der gezahlten Dividenden

Es gibt wieder mehr Aktionäre in Deutschland, so viel wie seit 2012 nicht mehr, jubelt das Deutsche Aktieninstitut. Und es sorgt sich - wie jedes Jahr - um die "Aktionärskultur". Dabei sollte der Lobbyverein sich erst einmal selbst die Kulturfrage stellen.

9,007 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr Aktien und/oder Anteile an Aktienfonds besessen. Das ist ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 6,7 Prozent - und der höchste Stand seit 2012. "Die Deutschen haben 2015 wieder Vertrauen in die Aktie und den Aktienfonds gefasst", bilanziert das Deutsche Aktieninstitut (DAI) nicht ohne Stolz. Der Fondsverband BVI sekundiert: "2015 war ein außergewöhnlich gutes Jahr für die deutsche Fondsbranche".

Von einer "Aktienkultur" wie in anderen Industrienationen sei Deutschland aber noch "weit entfernt", sagt DAI-Chefin Christine Bortenlänger. Denn wenn lediglich 14 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren am Aktienmarkt investiert seien, sei das "immer noch viel zu wenig", ist die Lobbyistin überzeugt. Ihr Messlatte: Das Jahr 2001. Damals gab es nach Angaben des DAI noch fast 13 Millionen Aktienanleger in Deutschland.

2001? War da was?

Erinnern wir uns. 2001 brach eine Horrorzeit für deutsche Privatanleger an. Die Tech-Bubble implodierte weltweit - was der deutsche Privatanleger zuvor an Aktien-Reichtum angehäuft hatte, verlor er in sagenhafter Geschwindigkeit. Und weil viele deutsche Firmen mit zweifelhaftem Geschäftsmodell und Mond-Bewertungen Insolvenz anmelden mussten, häufig sogar noch viel mehr.

Dass das DAI 2001 quasi als Referenzjahr für die "Aktienkultur" heranzieht, sagt leider sehr viel aus über die Schlichtheit der Argumentation dieser Lobbygruppe. Die auch von der Finanzwirtschaft finanzierte Truppe argumentiert brachial ideologisch und rein quantitativ: Je mehr Aktionäre, desto besser.

Das zeigt sich auch bei ihrer freudvollen Bilanz des Jahres 2015: Nur wer vergleichsweise tief in die DAI-Studie eintaucht, erfährt, dass die gestiegene Zahl der Aktionäre in Deutschland nur wenig mit gestiegenem "Vertrauen in die Aktie" zu tun hat. Erst auf Seite 5 steht: "Hauptverantwortlich für den Anstieg der Aktionäre ist die Zahl der Belegschaftsaktionäre." Mit anderen Worten: Ein Großteil der neuen deutschen Aktionäre hat nicht Aktien gekauft, weil es Aktien vertraut, sondern dem Unternehmen, für das sie arbeiten.

Die Haupterfahrung der deutschen Kleinanleger aus den vergangenen Jahren ist: Die Dividenden waren zwar beträchtlich, die Gefahren, den falschen Zeitpunkt für den Ein- oder Ausstieg zu wählen, angesichts der Crashes der Jahre 2001, 2008/2009 und 2011 aber auch.

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