Dienstag, 11. Dezember 2018

Deutsche Bank als Discount-Aktie Diese Zahlen zeigen, wie groß die Angst um die Deutsche Bank ist

Die Deutsche Bank hat eine rabenschwarze Woche hinter sich - und fleht die Börse an, ihren höheren inneren Wert zu erkennen. Der Aktienkurs enthält auch eine gute Portion Angst um die Problembank.

Die Zeit für Durchhalteparolen ist gekommen. Mal wieder. "Viele von Ihnen haben die schlechten Nachrichten satt", schreibt Christian Sewing seinen Mitarbeitern in der Deutschen Bank an diesem Freitag. "Mir geht es genauso."

Jetzt - nach der Herabstufung durch die Ratingagentur S&P, dem offiziellen Siegel "Problembank" von US-Behörden und einer Woche mit Aktienkurs auf historischem Tief unter 10 Euro - gelte es nach vorn zu schauen. Die Deutsche Bank werde "beweisen, dass wir eine andere Bewertung an den Finanzmärkten verdient haben".

Nach wenigen Wochen im Amt klingt der neue Chef der Deutschen Bank schon fast wie ein italienischer Regierungschef. Was hat der Konzern nicht schon alles für Anstrengungen unternommen - Altlasten beiseite geräumt, Kapital für den Notfall gesammelt (mehrmals), interne Reformen angestoßen, einen Neuanfang mit neuen Köpfen und neuer Strategie verkündet, die jetzt auch wirklich durchgezogen werden soll ... Aber diese verflixten Märkte wollen das einfach nicht anerkennen.

Bei einem Aktienkurs von 9,68 Euro hätte die Deutsche Bank mit ihren derzeit rund 2,07 Milliarden Aktien einen Börsenwert von genau 20 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: Der Buchwert des Kapitals der Aktionäre belief sich zum 31. März auf 61 Milliarden Euro. Der aktuelle Kurs enthält also einen Rabatt von mehr als zwei Dritteln auf den fundamentalen, inneren Wert der Aktien - sofern man das Urteil der Finanzprofis der Bank und ihrer Rechnungsprüfer für bare Münze nimmt. Ein Schnäppchen also?

Schlechte Stimmung heißt auch: Höhere Eigenkapitalkosten

Gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis sei die Aktie ja schon länger "äußerst günstig", schreibt Christian Koch von der DZ Bank in einer Analyse vom Freitag. Zum Kauf mag er sie trotzdem nicht mehr empfehlen - noch in der Vorwoche, als Christian Sewing auf der Hauptversammlung zum Aufbruch rief, hatte er das als einer der letzten Analysten getan - während die Kollegen von Barclays, Citigroup, Société Générale oder KBC schon "verkaufen" und "Kursziel 8 Euro" riefen.

Innerhalb dieser einen Woche ist aus Sicht des Deutsche-Bank-Optimisten Koch der "faire Wert" je Aktie von 13,50 Euro auf 9,50 Euro gesunken. Als Begründung nennt er die schlechten Nachrichten und das schwache operative Geschäft. Es sei "schwer prognostizierbar", wie sich die Bank aus der "Abwärtsspirale" befreien könne.

Die schlechte Stimmung beeinflusst nämlich nicht nur den Kurs (weil Aktionäre in ihrem Herdentrieb aufeinander reagieren, statt sich an einer Schätzung des objektiven Werts zu orientieren), sondern hat auch ganz reale Auswirkungen. Die "drastisch gestiegene Unsicherheit" bringe auch "höhere Eigenkapitalkosten".

Barclays-Mann Amit Goel hatte vor genau dem Downgrade von S&P, das die Deutsche Bank nun tatsächlich bekommen hat, gewarnt: als "negativer Katalysator, wenn es zu weiteren Abflüssen von Kundengeld und Marktanteilsverlusten führt".

Cash-Reserven von rund 280 Milliarden Euro

Zur Beruhigung betont Bankchef Sewing, diesmal stehe wenigstens nicht die finanzielle Stabilität der Bank infrage - anders als in der traumatischen Phase im September 2016, als der Aktienkurs erstmals unter 10 Euro fiel und zugleich auch die Kosten für Derivate auf das Kreditausfallrisiko der Deutschen Bank in die Höhe schnellten, der Markt mithin auf die Gefahr einer Pleite spekulierte.

"Die Liquiditätsreserven lagen zum Ende des ersten Quartals bei 279 Milliarden Euro und damit nahe ihres historischen Höchststandes", beharrt Sewing - kein Grund zur Sorge also, dass der Bank wie einst Lehman Brothers kurzfristig das Geld ausgehen könnte, unabhängig von der Qualität der Bilanz. Dieser gehortete Schatz ist sogar 14-mal so groß wie der aktuelle Börsenwert. Freilich können die Aktionäre nicht einfach auf all das Geld zugreifen, es gehört ihnen ja nicht.

Sehr wohl hätten sie Anspruch auf die Milliardengewinne, die nicht nur die Konzernführung für die kommenden Jahre verspricht - sondern auch die skeptischen Analysten, zumindest laut der jüngsten Konsens-Schätzung von Mitte April: 1,2 Milliarden Euro für 2018, 2,2 Milliarden Euro für 2019, 3 Milliarden Euro für 2020 - eine klare Erholung von den zuvor verbuchten drei Verlustjahren in Folge.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 wäre demnach unter 10, das heißt der Gewinn je Aktie für das kommende Jahr würde schon ein Zehntel des Kaufpreises einer Aktie aufwiegen - im Vergleich zu anderen Aktien tatsächlich Schnäppchen-Niveau.

Wenn dann auch noch für diese drei Jahre die erwartete Dividende von im Schnitt 40 Cent gezahlt wird (zuletzt waren es 11 Cent), könnten die Aktionäre eine satte Dividendenrendite von 4,1 Prozent verbuchen.

Das Problem ist nur: So ganz überzeugt, dass die Bank tatsächlich die erhoffte Profitabilität erreicht, ist kaum noch jemand. Allein der Stellenabbau im Investmentbanking kostet zusätzlich mindestens 800 Millionen Euro für Abfindungen und ähnliches. Und jede schlechte Nachricht lässt die Abwärtsspirale weiter drehen.

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