Freitag, 15. Dezember 2017

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Ende des Börsenbooms Verkauft Aktien - langsam, aber sicher

Auf der Klippe: An der Börse droht nach 9 Jahren Party ein tiefer Fall. Der Boom ist in der Endphase, die Warnzeichen mehren sich

"Buy the rumor, sell the news" ist eine der bekanntesten Regeln an der Börse. Nach neun Jahren Hausse an den Aktienmärkten sind die News allgegenwärtig. Zeit zu handeln - und Aktien zu verkaufen. Denn es gibt sehr deutliche Warnzeichen.

Die Börsen der Welt streben neuen Höchstständen entgegen. Dow Jones Börsen-Chart zeigen und Nasdaq Composite Börsen-Chart zeigen notieren auf Rekordniveau, der Dax Börsen-Chart zeigen stürmt der runden Rekordmarke von 13.000 Punkten entgegen. Der Rekordlauf nicht nur dieser Indizes unterstreicht, dass die Lage an den Finanzmärkten hervorragend ist. Die Weltwirtschaft wächst wie nicht mehr seit Ausbruch der Finanzkrise, die Unternehmen verdienen Geld, die Zinsen sind tief. Crashgurus werden verlacht und es gehört schon einiger Mut dazu, sich zu dieser immer kleiner werdenden Gruppe der Pessimisten zu gesellen (erfreulicherweise regen sich inzwischen auch im IWF warnende Stimmen).

Ich tue es heute dennoch. Im vollen Bewusstsein, in einem Jahr ebenso Gegenstand der Kritik sein zu können. Doch wie 1999 und 2007 dürfte es sich lohnen, die kritischen Stimmen ernst zu nehmen und zumindest teilweise bei den eigenen Anlageüberlegungen zu berücksichtigen. Zu viele Gründe sprechen dafür, dass sich der Boom an den Börsen in der Endphase befindet.

Sorglosigkeit der Anleger

Daniel Stelter

Optimisten verweisen auf die fehlende Euphorie an den Börsen. Solange es Artikel wie diese gibt, solange es noch keine Schlagzeilen gibt, die vom ewigen Börsenboom sprechen, solange dürfte es weiter aufwärtsgehen, so die Logik. Schaut man genauer hin, muss man jedoch erkennen, dass es sehr wohl deutliche Warnzeichen einer Sorglosigkeit der Anleger gibt:

  • Die Quote von Aktien zu Liquidität in den Portfolios der von der American Association of Individual Investors (AAII) befragten Investoren liegt so hoch, wie in 90 Prozent der Monate in den letzten 30 Jahren nicht. Die Anleger sind also fast voll investiert. Das gilt übrigens auch für die institutionellen Investoren, die Goldman Sachs zufolge so positiv gestimmt sind, wie zuletzt vor zehn Jahren.
  • Zugleich ist die Volatilität - ein weiterer Indikator für die Nervosität an den Märkten - deutlich zurückgegangen. Der VIX liegt schon seit Monaten auf Rekordtief. Klar im Widerspruch zu Indikatoren der globalen Risiken, die in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg verzeichneten.
  • Während die Volatilität zurückging, nahmen die Wetten auf einen weiteren Rückgang der Volatilität zu. Noch nie gab es mehr "net-shorts" auf den VIX wie heute, oftmals noch auf Kredit. Das erinnert fatal an die Kreditausfallversicherungen, die vor der Finanzkrise verkauft wurden. Solange alles gut geht, werden gute Renditen erzielt. Kippt die Stimmung, kommt es zu einer Verkaufspanik mit entsprechenden Kursausschlägen, die auf den Aktienmarkt wirken.

Die Investoren spekulieren also mit massivem Einsatz, dass die Börsen weiter steigen und die Volatilität weiter abnimmt. Doch nicht nur an den Aktienbörsen kann man Anzeichen von Euphorie erkennen:

  • Gleiches gilt für High Yield Bonds. In den USA ist der Zinsaufschlag zu Staatsanleihen deutlich gesunken. Europäische High Yield Bonds - also Anleihen von Schuldnern schwacher Bonität - erbringen weniger als zehnjährige US-Staatsanleihen!
  • Leveraged Loans - also Hochrisiko-Kredite an bereits hoch verschuldete Unternehmen, oft im Zusammenhang mit Private Equity Transaktionen - boomen ebenfalls wieder und der Anteil der sogenannten "covenant-lite"-Kredite (also Kredite mit nur wenigen oder gar keinen Sicherheiten) liegt mit 85 Prozent wieder auf Vor-Finanzkrisen-Niveau. Bloomberg vermeldet, dass Unternehmen die Sicherheiten anbieten, von den Investoren besonders kritisch betrachtet werden. Rund 1000 Milliarden US-Dollar an derartigen Krediten stehen aus.
  • Auch die Euphorie bei Bitcoins fällt in dieselbe Kategorie. Ich möchte an dieser Stelle überhaupt nicht die Sinnhaftigkeit und Attraktivität alternativer Geldsysteme in Frage stellen. Selbst wenn diese gegeben ist, kann es zu erheblichen Fehlbewertungen kommen. Immerhin gibt es rund 1150 Cyber-Währungen mit einem Gesamtwert von rund 150 Milliarden US-Dollar. Jeden Tag kommen weitere hinzu. Erste Fonds werden aufgelegt, um in diesem Bereich zu investieren. All dies, nachdem sich der Preis von Bitcoins seit 2015 verfünfundzwanzigfacht hat. Kommt es zu weiteren Markteingriffen und Verboten wie zuletzt in China, könnte die Blase schnell platzen.
  • Doch auch in vergleichbar langweiligen Märkten braut sich Ungemach zusammen. Wie an dieser Stelle bereits vor einigen Wochen gezeigt, läuft der Häusermarkt weltweit heiß.

All dies vielleicht noch kein Zeichen für Euphorie, doch zweifellos für eine gewisse Sorglosigkeit der Anleger.

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