Montag, 24. September 2018

Notenbanken erhalten Pleite-Firmen am Leben Wie Firmen-Zombies unser Wirtschaftssystem bedrohen

Ziemlich traurig. Kunstaktion "1000 Gestalten" zum G20-Treffen in Hamburg im Juli 2017.

Ein immer größerer Anteil der Unternehmen ist bei ehrlicher Betrachtung insolvent. Eine solche ehrliche Betrachtung kann und will sich niemand leisten, denn dann fällt die Illusion der überwundenen Krise in sich zusammen. Steigen die Zinsen, ist das Spiel vorbei.

Daniel Stelter

Immerhin neun Prozent der Unternehmen in Europa sind nach Schätzungen der Bank of America "Zombies", also eigentlich insolvent und nur noch am Leben, weil sie mit Mühe die Zinszahlungen leisten können. Andere Schätzungen beziffern den Anteil des Kapitals, der in Zombies gebunden ist, auf fünf bis 18 Prozent, wobei es in Italien, Spanien und Portugal besonders schlecht aussieht. Selbst in Deutschland dürfte es nicht wenige Unternehmen geben, die nur in einem Nullzins-Umfeld über die Runden kommen.

In den anderen Regionen der Welt sieht es nicht besser aus. So schätzte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schon vor einem Jahr, dass rund 20 Prozent der US-Unternehmen in Schwierigkeiten gerieten, sobald die Zinsen steigen würden. Chinas Zombie-Probleme sind ebenfalls bekannt, vor allem bei den staatlichen Unternehmen, die trotz Rekordschulden, Überkapazitäten und schwacher Produktivität weiter am Markt bleiben. In Japan, dem Land wo die Unternehmenszombies Anfang der 1990er-Jahre nach dem Platzen der Immobilien- und Aktienblase erstmals in großer Zahl auftraten, dürften nicht wenige bis heute durchgehalten haben.

Großes Spiel der Illusion

Das Entstehen der Zombies ist die logische Folge unserer Politik der letzten Jahrzehnte. Immer, wenn eine Rezession oder eine Krise an den Finanzmärkten drohte, haben die Notenbanken mit großzügigen Liquiditätsspritzen und Zinssenkungen reagiert. Nach der Krise haben sie allerdings die Zinsen nie wieder über das Niveau vor der Krise erhöht. In der Folge dieser asymmetrischen Reaktion kannten die Zinsen nur eine Richtung: nach unten.

Strukturell sinkende Zinsen verführen jedoch Unternehmen, Banken und Investoren, mit immer weniger Eigenkapital und immer mehr Einsatz von Schulden zu arbeiten. Da dieser Trend zur Verschuldung auf allen Ebenen vom Finanzsektor bis zur Realwirtschaft gleichermaßen erfolgt, wächst die Krisenanfälligkeit des Systems. Die Notenbanken müssen immer häufiger und immer stärker intervenieren.

Alleiniges Ziel der Interventionen ist es, die Illusion der Solvenz aufrechtzuerhalten. Um jeden Preis soll und muss verhindert werden, dass es zum Offenbarungseid kommt, weil dieser nicht nur für die betroffenen Schuldner und Gläubiger fatal wäre, sondern für die Weltwirtschaft insgesamt. Eine Krise würde die große Depression der 1930er-Jahre locker in den Schatten stellen.

Offensichtliches Symptom dieser Entwicklung ist der Anteil der Scheintoten im System, der Zombies: also Unternehmen, die lediglich das Geld für die (schon herabgesetzten) Zinszahlungen erwirtschaften können und von den Banken nur deshalb am Leben erhalten werden, weil sie selber die Abschreibungen nicht verkraften können. Zombie-Banken und Zombie-Unternehmen stützen sich gegenseitig. Mit jeder neuen Krise wächst zudem der Anteil der Zombies, weil zu den Altfällen neue hinzukommen.

Die Aufrechterhaltung der Illusion kommt uns teuer. Die Zombies schaden der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auf verschiedene Weise:

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