Samstag, 28. Mai 2016

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Nach Anschlägen in Brüssel Warum der Terror die Börsen kalt lässt

Börse: Rohstoffpreise, Währungen und Zinserwartungen bewegen die Kurse - die Attentäter von Brüssel nicht

Es war am Dienstag dieser Woche, als in Brüssel durch zwei Anschläge mehr als 30 Menschen ums Leben kamen und mehr als 180 verletzt wurden. Entsetzen auf der ganzen Welt, doch Gelassenheit an den globalen Finanzmärkten: Der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen gab unmittelbar nach den Anschlägen rund 2 Prozent nach, doch schloss der Index noch am gleichen Tag im Plus und legte am Folgetag weiter zu. Warum eigentlich?

Vor allem wegen der Funktionsweis der Börse. Dort wird die Erwartung an die Zukunft gehandelt. Sind die Erwartungen hoch, werden Aktien gekauft. Überwiegt die Skepsis, werden Aktien verkauft. Das eine mündet in steigenden Kursen, das andere in sinkenden Notierungen. Und im Fall eines Terroranschlags?

"In so einem Fall steigt zunächst die Unsicherheit an - einfach weil die Menschen nicht die Größenordnung der Ereignisse einschätzen können", sagt David Kelly, Stratege von JP Morgan Funds in New York. "Und wenn die Unsicherheit wieder sinkt, wagen sich wieder Käufer hervor".

Beispiel Deutschland. Die Anzeichen "deuten darauf hin, dass wir auch dieses Jahr ein sehr robustes Jahr wirtschaftlich erleben werden", sagte Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ähnlich argumentiert Michael Beck von der Privatbank Ellwanger & Geiger.

Am Dienstag wurden eine Reihe von Frühindikatoren, allen voran der Ifo-Geschäftsklimaindex, mit einer positiven Tendenz veröffentlicht", schreibt Beck. Und die Anschläge? "Die Terroranschläge treffen Europa in einer Phase relativer Stabilität und robuster Konjunktur." Nach einem Moment des Schreckens sind genau das die Fakten, die das Entsetzen über den Terror in den Hintergrund drängen.

Europa wird langfristig mit dem Terror leben müssen - doch für die Finanzmärkte sind das Auf und Ab von Rohstoffpreisen, Währungs-Wechselkursen, Konjunktur- und Zinserwartungen die wichtigeren Faktoren, selbst wenn diese zynisch klingt. Erst am Donnerstag, als die US-Ölreserven auf ein Rekordniveau schossen und der Ölpreis wieder zu wanken begann, traten auch die Käufer am Aktienmarkt wieder den Rückzug an.

Nicht zu vergessen der Vormarsch des Computerhandels. Während Menschen zu Pietät, zum Innehalten fähig sind, exekutieren Computer in Sekundenschnelle ihre Programme. Rund ein Drittel des US-Börsenhandels soll schon von Computern ausgelöst sein. Mit anderen Worten - nur wenn absehbar wäre, dass sich das gesamte Umfeld in einer Volkswirtschaft ändert, entfalten die Anschläge eine verheerende Wirkung auch auf die Börsen - so wie etwa nach den Anschlägen des 11. September 2001. Solange die Anschläge die politische Ordnung aber nicht aus den Angeln heben, schütteln die Investoren auch einen Schreckenstag wie den Dienstag dieser Woche rasch wieder ab.

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