Dienstag, 24. Oktober 2017

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Anlageprofi Robert Halver über Börsen-Mythen Warum der Dax nicht zum Mai-Opfer wird

Sell in May: Im Mai sollte man laut Börsenregel seine Gewinne ins Trockene bringen. Doch der 10-Jahres-Test für den Dax sieht anders aus
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Sell in May: Im Mai sollte man laut Börsenregel seine Gewinne ins Trockene bringen. Doch der 10-Jahres-Test für den Dax sieht anders aus

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Der Mai ist gekommen und die vielleicht bekannteste aller Börsenweisheiten schlägt aus: Im Wonnemonat mögen Anlegerinnen und Anleger doch bitte ihre Aktienbestände verkaufen, um in den nachfolgenden Sommermonaten keine Verluste zu erleiden.

Worauf beruht diese saisonale Börsenempfehlung? Tatsächlich kam ihr in früheren Aktienzeiten durchaus Bedeutung zu. Viele Anleger strichen ihre zu Jahresanfang erzielte Kursgewinne vor den typischerweise ereignisarmen Sommermonaten ein, um sich dann nach der Sommerpause im September, wenn die Informationen wieder reichlich flossen, neu zu engagieren.

Börsenhistorisch jedoch präsentierten sich am deutschen Aktienmarkt in den letzten 10 Jahren die jeweiligen Mai-Renditen im Durchschnitt unauffällig. Damit liefern sie keine Bestätigung für einen statistisch gesicherten Saisonalitätseffekt. Selbst die merklichen Aktienkonsolidierungen in den Mai-Monaten 2010, 2011 und 2012 dienen nicht wirklich zur Beweisführung. Diese waren Sondereinflüssen wie der Griechenlandkrise, der Schuldenkrise und der Euro-Krise geschuldet, die grundsätzlich nicht Mai-typisch sind.

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Außerdem: Wegen der weltweit vernetzten Finanzmärkte mit global stetigem Informationsfluss über das ganze Jahr hinweg ist eine früher noch übliche "Saure Gurken-Zeit", also ein Sommerloch, heutzutage nicht mehr zu erwarten. Permanente Risiken und Chancen wie beispielsweise Wahlen, Brexit, die Wirtschaftspolitik von US-Präsident Trump, die konjunkturelle Verfassung der Schwellenländer oder die internationale Geldpolitik verpflichten Börsenakteure regelrecht zu einer stetigen Beobachtung, Markteinschätzung und Anlageaktivität.

Eine lange Aktienabstinenz können sich Geldverwalter nicht erlauben

Bei großen Vermögensverwaltern kommt der zunehmende Druck hinzu, im globalen Konkurrenzkampf Rendite erwirtschaften zu müssen. Denn die Geduld von Anlegerinnen und Anleger hat deutlich nachgelassen, Anlagegelder sind prinzipiell abwanderungsgefährdet. Eine zu lange Aktienabstinenz kann man sich nicht mehr erlauben.

Gewinne jetzt über Gewinnmitnahmen sichern?

Konkret gefragt: Könnte denn der Mai-Effekt 2017 zum Tragen kommen? Immerhin ist der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen ist in diesem Jahr bereits um gut 11 Prozent gestiegen. Und mit dem Europa-freundlichen Ausgang der französischen Präsidentschaftswahl ist zudem das größte europäische Polit-Risiko des Superwahljahres 2017 beseitigt. Die Rückbildung der Risikoaufschläge französischer, italienischer und spanischer Staatsanleihen zu deutschen dokumentiert die Eindämmung der politischen Eurosklerose.

Spricht dies nicht dringend dafür, die auch hierauf gegründeten hohen deutschen Aktienkurse über Gewinnmitnahmen zu sichern?

Doch die gute deutsche Aktienstimmung scheint Steherqualitäten zu haben. Fundamental lässt sich die wirtschaftliche Stabilisierung nicht leugnen, die nicht nur das Gewinnwachstum deutscher Exportwerte erhöht, sondern ebenso die sportlichen Bewertungen von Aktien mildert.

Auch scheinen die USA derzeit nicht zu jenem befürchteten handelsprotektionistischen Schlag auszuholen, der die Industrie- und Exportnation Deutschland arg in Mitleidenschaft gezogen hätte. Die US-Regierung scheint allmählich zu verstehen, dass man geopolitische Verbündete wertschätzen und nicht bestrafen sollte.

Nicht zuletzt denkt die EZB noch nicht daran, ihre Geldpolitik restriktiver zu gestalten - Geld bleibt also billig und flutet weiterhin die Märkte. Und selbst wenn die EZB sich zu einer Kursänderung entschließen sollte, ist mit Blick auf die überbordende Staatsverschuldung Europas nur eine homöopathische, aber definitiv keine wirklich strikte Zinserhöhungspolitik zu erwarten. Folglich taugen Zinsanlagen weiterhin nicht als echte Anlagealternative zu Aktien.

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Auch die Währungsseite kommt dem deutschen Aktienmarkt zugute. Die Konjunkturimpulse der Trump-Administration bleiben derzeit unter den Erwartungen und rechtfertigen keine scharfe Zinspolitik der US-Notenbank, die den US-Dollar gegenüber Euro stärken würde. Währungsverluste drohen damit US-Anlegern bei Investitionen in deutsche Aktien nicht.

Sicherlich, käme es zügig zu deutlich überschießenden Aktienmärkten, die den Dax konkret über 13.000 Punkte hieven, sind zwischenzeitliche Gewinnmitnahmen zwar einzukalkulieren. Doch erstens sind kurzfristige Rücksetzer gesund und zweitens werden selbst sie - aufgrund ihrer verhaltenen Ausmaße - die Mai-Regel nicht bestätigen .

Böse formuliert ist die berühmt-berüchtigte Börsenregel "Sell in May and go away" nicht mehr als eine Kräuterhexenwissenschaft. Der Dax Börsen-Chart zeigen wird nicht zum Mai-Opfer.

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