Mittwoch, 28. September 2016

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Börse im Krisenmodus Es bleibt volatil am Aktienmarkt

Bärenmarkt: Anlegern nehmen Kurs auf sichere Häfen wie Bundesanleihen oder Gold

An den Finanzmärkten geht die Rezessionsangst um: Anleger werten den rasanten Ölpreis-Verfall, die Abkühlung der chinesischen Konjunktur und die schwächelnde US-Wirtschaft als Vorboten einer neuen Krise. Dies schürt Experten zufolge Spekulationen auf wachsende Kreditausfälle und eine Schieflage des Bankensektors.

"Nicht wenige Marktteilnehmer ziehen Parallelen zur Situation im Jahr 2008 - mit vergleichbaren Auswirkungen auf die Aktienmärkte", sagt Anlagestratege Carsten Klude vom Bankhaus MM Warburg. Aus seiner Sicht hat der Dax Börsen-Chart zeigen seine Talsohle noch nicht durchschritten. Am Freitag gewann der Leitindex zwar dank eines Comebacks der Finanzwerte 2,5 Prozent, nach dem vorangegangenen Ausverkauf blieb auf Wochensicht aber noch ein Verlust von 3,4 Prozent. In New York gab der Dow Jones Börsen-Chart zeigen in der Woche 1,4 Prozent nach.

Aus diesem Grund werden nach Ansicht von Analysten weitere Anleger Kurs auf als sicher geltende Häfen nehmen. Der Bund-Future, der auf zehnjährigen Bundesanleihen basiert, stieg vergangene Woche von einem Rekord zum nächsten. Die "Antikrisen-Währung" Gold Börsen-Chart zeigen ist mit etwa 1240 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) so teuer wie zuletzt vor einem Jahr.

Unter Börsianern an der Wall Street keimte allerdings die Hoffnung auf, dass der Ausverkauf allmählich zu Ende gehen könnte. Ein Grund dafür sei, dass gegen Handelsschluss vermehrt Käufer die Oberhand gewannen. Dies sei ein positives Zeichen, weil gewöhnlich Aktienprofis den späten Handel dominierten, sagte Investmentexperte Jack Albin von der Bank BMO.

Doch der allgemeine Konjunkturpessimismus lenkt zusätzliche Aufmerksamkeit auf die anstehenden Wirtschaftsdaten: Den Anfang machen die chinesischen Außenhandelszahlen am Montag. Außerdem warten Investoren gespannt auf die Wiedereröffnung der Börsen in Shanghai und Shenzhen, die wegen der chinesischen Neujahrsfeiern in der alten Woche geschlossen blieben. Allerdings wird an diesem Tag insgesamt mit eher dünnen Umsätzen gerechnet, da die US-Anleger wegen eines verlängerten Wochenendes erst ab Dienstag wieder ins Geschehen eingreifen.

Am Mittwochabend werden sich Börsianer auf der Suche nach Hinweisen auf die US-Geldpolitik in die Sitzungsprotokolle der Notenbank Fed vertiefen. Die Kurse an den Terminmärkten signalisieren, dass Anleger frühestens 2017 mit weiteren Zinserhöhungen rechnen. Am Donnerstag stehen dann das Konjunkturbarometer der Federal Reserve Bank von Philadelphia und die US-Frühindikatoren auf dem Terminplan.

Aktienstratege Heinz-Gerd Sonnenschein von der Postbank warnt allerdings, dass selbst auf den ersten Blick positive Daten den Börsen nicht unbedingt Auftrieb geben werden. "Investoren suchen derzeit verstärkt nach dem Haar in der Suppe." Einblicke in die Stimmungslage der deutschen Börsenprofis liefert am Dienstag der ZEW-Index.

Um dieser Abwärtsspirale zu entkommen, ist dem Commerzbank-Analysten Michael Leister zufolge ein Eingreifen der Zentralbanken notwendig. "EZB-Präsident Mario Draghi könnte im Rahmen seiner Anhörung vor dem EU-Parlament am Montag ein solches Signal abgeben." Allerdings sei mit einer konkreten Maßnahme vorerst nicht zu rechnen.

In dieser Gemengelage rücken die Firmenbilanzen in den Hintergrund. In der neuen Woche legen unter anderem die Deutsche Börse am Dienstag und die Allianz am Freitag ihre Zahlen vor. In den USA öffnet der weltgrößte Einzelhändler Wal-Mart am Donnerstag seine Bücher.

Zum Abschluss der Börsenwoche verfallen Optionen auf Indizes und einzelne Aktien. In den Tagen zuvor schwanken die Aktienkurse üblicherweise stark, weil Investoren die Preise derjenigen Wertpapiere, auf die sie Derivate halten, in eine für sie günstige Richtung bewegen wollen.

Fünf Theorien, um das Börsenchaos zu erklären:

Das schnelle Geld ist schuld

"Das schnelle Geld ist Ende 2015 bei den Banken eingezogen, weil Zinserhöhungen erwartet wurden", zitiert das Wall Street Journal die Portfolio-Managerin Diane Jaffee. "Nun verabschiedet es sich wieder." Heißt: Kurzfristig denkende Investoren ("fast money") hätten in Aussicht auf die angekündigte Zinserhöhung der Fed auf steigende Bank-Gewinne gewettet: Die Schere zwischen den Einnahmen der Banken mit Darlehen und den Ausgaben für Spareinlagen gehe weiter auf, so die Annahme. Weil steigende Zinsen nun aber immer unwahrscheinlicher würden, stießen kurzfristig denkende Investoren ihre Bank-Aktien wieder ab.

China ist schuld

In Deutschland, das stark auf China als Exportmarkt baut, dürfte dieser Zusammenhang besonders stark ziehen. Viele Investoren glauben angesichts der relativen wirtschaftlichen Schwäche Chinas, dass Peking seine Währung Yuan langfristig abwerten müsse, was den internationalen Konkurrenzkampf beim Export noch einmal befeuere. Die Furcht vor einer Abwertung des Yuan ist auch deshalb hoch, weil eine erste Abwertung im August 2015 bereits einmal für einen globalen Ausverkauf gesorgt hat.

Die Öl-Staatsfonds sind schuld

In Zeiten hoher Ölpreise haben verschiedene Länder ihre Milliarden-Gewinne aus der Ölförderung in Staatsfonds gepumpt. "Nun liquidieren diese Fonds Aktien, die sie in glücklicheren Zeiten gekauft haben, und beschleunigen damit den Ausverkauf am US-Markt", schreiben die Journalisten des "WSJ", was viele Investoren beunruhige. JP Morgan gehe davon aus, dass Staatsfonds im laufenden Jahr bis zu 75 Milliarden Dollar an Aktien verkaufen würden. Der US-Markt selbst sei zuletzt etwa 20,95 Billionen Dollar schwer gewesen. Entsprechend seien die Auswirkungen dieses Ausverkaufs nicht furchtbar gravierend: Öl-Preise würden zwar dauerhaft unter Druck bleiben, zitiert das "WSJ" Ben Mandel von JP Morgan, "aber ich glaube nicht, dass öl-getriebene Staatsfonds-Abflüsse eine tödliche Gefahr für US-Aktien sind."

Die US-Wirtschaft ist schuld

Probleme ausländischer Märkte und ein starker Dollar könnten der US-Wirtschaft schaden, fürchten Investoren laut "WSJ". Indikatoren für die wirtschaftliche Stärke des Landes seien uneindeutig: Das produzierende Gewerbe schrumpfe seit vier Monaten, das Job-Wachstum habe sich verlangsamt. Gleichzeitig sinke jedoch die Arbeitslosigkeit, auch die Löhne stiegen. All dies, so das Fazit, "unterstreicht die Unsicherheit". "Das größte Risiko, das wirklich jeder im Kopf hat, ist eine abrupte Abschwächung in den Emerging Markets, der in die USA überschwappen wird", zitiert das Blatt den UBS-Analysten David Lefkowitz.

Das Wachstum ist schuld

Bislang sei der Ölpreis-Crash immer mit einem Überangebot erklärt worden, schreibt das Journal weiter; derzeit verfestige sich unter Investoren allerdings die Ansicht, dass auch die Nachfrage schwächele – und damit das Wachstum an sich. "Wenn Rohstoffpreise insgesamt generell schwach sind, sagt mir das allgemein gefasst, dass die globale Nachfrage schwach ist", sagt etwa Portfolio-Manager Paul Nolte.

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Unsere Börsenseite: Hier sehen Sie Dax und Dow in Echtzeit


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