Donnerstag, 23. November 2017

Börsenprofi Thomas Grüner warnt Sommer, Sonne, Sorgen!

Angela Merkel

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Chief Investment Officer des Vermögens- verwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Traditionell erfreuen sich die Sommermonate nicht gerade großer Beliebtheit unter Anlegern. Der September ist statistisch betrachtet der schlechteste Monat für Aktien, sogenannte "Börsenweisheiten" wie "Sell in May and go away" halten sich hartnäckig. Wie stellt sich die Situation im Börsenjahr 2017 dar?

Anleger verfallen definitiv nicht in den Urlaubsmodus. Zu präsent sind die Sorgen um den politischen Konflikt zwischen Nordkorea und den USA, die Stabilität an den Märkten scheint dahin. Selbst der kleinste Anflug von Volatilität raubt Investoren das nötige Sicherheitsgefühl. In den "langweiligen" Sommermonaten gelangen sowieso alle möglichen Nachrichten in den Fokus der Anleger. Im Sommer 2017 werden Anleger vor allem von politischen Sorgen geplagt.

Das Jahr der politischen Unsicherheit setzt sich also nahtlos fort: Bereits zu Beginn des Jahres sorgten Wahlen in den Niederlanden und Frankreich für heiße Diskussionen, die Brexit-Verhandlungen trüben permanent die Stimmung. Jetzt steht die Bundestagswahl 2017 auf der Agenda. Die Devise für Anleger im Sommer 2017 lautet: Mit kühlem Kopf durch die heißen Wahlkampf-Diskussionen!

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Die große Frage lautet: Kann Martin Schulz das Ruder in der Endphase des Wahlkampfs entscheidend herumreißen? In der Anfangseuphorie seiner überraschenden Nominierung als Spitzenkandidat konnte die SPD in den Umfragewerten die Lücke zur CDU/CSU teilweise komplett schließen. Schulz wurde mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden gewählt, die SPD strotzte vor Einigkeit und neuer Stärke - der vielzitierte "Schulz-Effekt" sorgte für Schlagzeilen.

Davon ist in der aktuellen Phase praktisch nichts mehr übrig. Der "Schulz-Effekt" ist verpufft, die neuesten Umfragewerte sprechen nicht dafür, dass sich die Situation der SPD seit der ernüchternden Bundestagswahl 2013 in irgendeiner Form substantiell verbessern wird. Die "kleinen" Parteien zeigen sich mittlerweile wieder stabil über der 5-Prozent-Hürde, in der politischen Mitte hat sich über Jahre hinweg die CDU breit gemacht. Der Raum für positive Überraschungen scheint begrenzt - dazu müsste Martin Schulz in der heißen Phase des Wahlkampfs Themen finden, die eine substantielle Wählerwanderung von der CDU hin zur SPD bewirken würden. Das ist derzeit nicht abzusehen.

Vieles spricht aktuell für weitere vier Jahre mit Angela Merkel an der Spitze der Regierungskoalition - mit zahlreichen Optionen für die Wahl des Koalitionspartners. Da sich Teile der SPD schon lautstark gegen eine Weiterführung der großen Koalition unter Führung der Union stark gemacht haben, wäre aktuell eine schwarz-gelbe Koalition sehr wahrscheinlich, auch aufgrund der größten inhaltlichen Schnittmenge. Sollte dieses Bündnis nicht die notwendige Mehrheit erreichen, würde sich auch eine Jamaika-Koalition zusammen mit den Grünen als Alternative anbieten - die SPD wäre dann außen vor und weit weg vom geäußerten Anspruch, an der Spitze der Regierungskoalition zu stehen. Eine rot-rot-grüne Regierung scheint auch inhaltlich immer mehr in die Ferne zu rücken.

Was bleibt für Anleger also unter dem Strich in diesem "politischen Sommer" stehen? Wenn schon eine Börsenweisheit zitiert werden soll, dann am besten diese: "Politische Börsen haben kurze Beine." Auf globaler Ebene bleibt die Weltwirtschaft sehr robust, die fundamentale Datenlage und die neuesten Unternehmenszahlen stützen den intakten Bullenmarkt. Das sind nach wie vor die Fakten, die bei der Festlegung der eigenen Anlagestrategie entscheidend sein sollten! Politische Sorgen und Ängste stellen Störfeuer dar, die für Anleger sehr gefährlich sein können. Nicht durch ihren direkten Markteinfluss, der unter Umständen sehr gering ausfallen kann, sondern vor allem indirekt: Wenn die psychologische Komponente angesteuert wird und emotionale Handlungen provoziert werden. Wenn Anleger den Drang verspüren, sich kurzfristigen Problemen zu stellen, wird der Blick auf das übergeordnete Bild getrübt.

Fazit

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Für den "politischen Sommer" 2017 bleibt festzuhalten: Vermeiden Sie es, zu viel in politische Ereignisse hineinzuinterpretieren. Für die Weltwirtschaft ist der Wahlausgang in Deutschland mehr oder weniger irrelevant. Aus Sicht eines internationalen Investors dürfte nur die Tatsache interessant sein, dass Deutschland ohne Einschränkungen an seinem europafreundlichen politischen Kurs festhält - nicht, wie die Koalitionsbildung letztendlich aussieht oder welche Partei wie viele Prozentpunkte holen kann. Entscheidend ist vor allem, dass das Wachstum des globalen BIPs fortgesetzt wird. Und hierfür ist einzig und allein entscheidend, ob politische Mächte an die Regierung kommen, die wirtschaftsschädigende Vorhaben wie beispielsweise protektionistische Maßnahmen durchführen könnten. Genau das ist in Deutschland jedoch aktuell bei Weitem nicht absehbar. Somit wird die Bundestagswahl 2017 nur eine weitere Station im laufenden Bullenmarkt darstellen, welcher wie gehabt an der "Mauer der Angst" emporklettert.

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