Montag, 24. September 2018

Verluste am Aktienmarkt Warum sich deutsche Anleger auch über Kursverluste freuen

Heftige Verluste an der Börse: Viele deutsche Anleger dürften sich durch den Kurssturz bestätigt fühlen.

Der Dow Jones Börsen-Chart zeigen mit dem zeitweise größten Tagesverlust seiner Geschichte und einem Minus zum Handelsschluss von stattlichen 4,6 Prozent, die Börsen in Asien ebenfalls auf Talfahrt und der Dax Börsen-Chart zeigen schon vor Eröffnung des Handels um 500 Punkte leichter - was kann sich ein Geldanleger in Deutschland schöneres vorstellen? Zum Handelsschluss stand der Dax am Dienstag immerhin noch mit rund 300 Punkten oder 2,3 Prozent im Minus.

Millionen Menschen hierzulande dürften da vor Bildschirmen sitzen, Zeitungen durchforsten und Radio oder TV laufen lassen, um die Berichte von der Börse zu verfolgen. Wort für Wort und Zeile für Zeile werden die Informationen über das vermeintliche Desaster von vielen vermutlich geradezu aufgesogen, am liebsten wieder und wieder und wieder.

Denn es geht abwärts am Aktienmarkt, endlich mal wieder. Anleger verkaufen ihre Papiere nicht mehr, sie werfen sie auf den Markt, flüchten, panisch zum Teil. Und die Kurse? Rutschen abwärts, brechen ein, stürzen ab. Milliarden und Aber-Milliarden an Investorengeldern lösen sich so in Luft auf, binnen Stunden.

Das sind keine guten Nachrichten für Börsianer, keine Frage. Für einen großen Teil der Geldanleger hierzulande jedoch kommen die aktuellen Börsenberichte vermutlich wie gerufen. Endlich Bestätigung!

Wochenlang, monatelang, ja meist jahrelang halten sich diese Sparer vom Aktienmarkt fern. Während vielfach die Kurse klettern und Indizes einen Höchststand nach dem anderen erklimmen, bevorzugen sie Sparbücher, legen in Tages- oder Festgeld an, kaufen Immobilien oder schließen augenscheinlich solide Verträge mit Bausparkassen und Versicherungsgesellschaften ab.

Und dann ist es endlich soweit: Die Aktienkurse fallen, und zwar richtig. Innerhalb weniger Stunden und Tage offenbart sich, was die meisten Anleger hierzulande schon vor Jahren als unumstößliche Gewissheit verinnerlicht haben, und was seitdem eine feste Größe in ihrem Geldanlageverhalten darstellt: Die Börse? Viel zu riskant!

Klar, dass dieser Moment genutzt werden muss: Berichte lesen, Analysen hören, Infos sammeln - jetzt gilt es, in kurzer Zeit möglichst viel frische Skepsis und Ablehnung gegen die Börse zu tanken. Schließlich muss damit die folgende, vermutlich längere Zeit überbrückt werden, in der die Märkte wohl wieder ruhiger laufen werden.

Die Statistik zeigt: In Deutschland verfügen nur etwa 14 Prozent der Bevölkerung über ein Investment in Aktien oder Aktienfonds. Das ist ein im internationalen Vergleich ziemlich niedriger Wert. In den USA zum Beispiel, dem Mutterland des Kapitalismus, nähert sich der Anteil der Aktionäre an der Gesamtbevölkerung mit mehr als 70 Prozent gegenwärtig wieder den Höchstständen, die Anfang 2000 erreicht wurden.

Nüchtern betrachtet befindet sich damit der größte Teil der deutschen Anleger im Irrtum. Denn so ziemlich jede seriöse Statistik belegt, dass Aktieninvestments auf lange Sicht überwiegend bessere Renditechancen bieten als die meisten festverzinslichen Anlagen. Das heißt: Die Verlustrisiken des Aktienmarktes werden langfristig durch die besseren Ertragschancen mehr als aufgewogen.


Lesen Sie die Übersicht: So viel haben Dax, Dow Jones und Co noch zu verlieren


Dass die Deutschen bei der Geldanlage in der Mehrheit nicht so handeln, wie es dieser Zusammenhang erwarten ließe, hat wohl verschiedene Gründe. Eine Rolle spielt möglicherweise eine grundlegende, überdurchschnittliche Risikoaversion, die den Menschen hierzulande zu eigen sein könnte. Hinzu kommen die Erfahrungen vergangener Börsencrashs, die womöglich lange nachwirken, Stichwort: Dot-Com-Blase. Und nicht zu vergessen: Die Realität an der Börse kommt bei den meisten Anlegern lediglich als Zerrbild an. Während etwa in ruhigen Zeigen vor allem in Wirtschaftspublikationen und Fachressorts über das Geschehen am Aktienmarkt berichtet wird, nehmen "den Kurssturz", "das Börsenbeben" oder "den Crash" gerne auch breiter aufgestellte Medien ins Programm - bis hin zur Tagesschau oder dem TV-Screen in der U-Bahn.

Wichtig erscheint allerdings: Als Anlass für Belehrungen oder Grund zum Kopfschütteln taugt das alles kaum. Denn eins sollte bei alldem nicht vergessen werden: Ebenso typisch deutsch, wie die Zurückhaltung der hiesigen Geldanleger am Aktienmarkt, ist die extrem nüchterne Betrachtung dieses Phänomens, die sich auf rein monetäre Überlegungen beschränkt. Dabei geraten die deutschen Sparer dann leicht in ein schlechtes Licht.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Doch das zu unrecht. Denn herrscht nicht eigentlich Konsens darüber, dass materieller Besitz keineswegs das wichtigste ist im Leben? Die meisten Menschen wollen vielmehr vor allem ihre Ruhe haben und sich schlicht und ergreifend wohlfühlen. Und wenn das für viele mit einem Sparbuch besser funktioniert als mit einem Aktiendepot, dann sollte das doch eigentlich nichts anderes sein als: vollkommen ok. Oder?

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH