Freitag, 24. November 2017

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Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Bitcoin und kein Ende? Die Geschichte der Hypes

Bitcoin: Wann platzt die Blase

Wir erleben das immer wieder: Investitionen, die zwischenzeitlich eine deutliche Outperformance gegenüber dem breiten Gesamtmarkt zeigen, schaffen es IMMER in den Fokus der Anleger. Sensationelle Kursentwicklungen, fahnenstangenartige Anstiege, irrationale Übertreibungen, geplatzte Blasen - derartige Hypes ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Historie der Kapitalmärkte.

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Chief Investment Officer des Vermögens- verwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Tulpen und Börse

Als erste gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte gilt die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, als sich die Preise für Tulpenzwiebeln im kommerziellen Handel auf ein absurd hohes Niveau bewegten. Der sich anschließende rapide Preisverfall trieb viele Beteiligte in den Ruin. Ein einfaches historisches Muster, das sich auch in der neueren Geschichte der Kapitalmärkte immer wieder ausprägen sollte.

Zu den berühmtesten Beispielen der neueren Geschichte gehören sicherlich die Aktienindizes Nasdaq und Nemax 50 bis zum Jahr 2000. Durch ihren explosiven Aufstieg suggerierten sie eine technologische Zeitenwende - mit bekanntem Ausgang. Die Technologie-Blase platzte mit einem lauten Knall. Anleger, die spät auf den Zug aufgesprungen waren und den Kursverfall lange Zeit als optimale Nachkaufchance interpretierten, blicken heute auf teilweise irreparable Schäden in ihrer langfristigen Anlegerkarriere zurück.

Ebenso erlangte das Prinzip "Peak-Oil" eine aus heutiger Sicht traurige Berühmtheit. Im Vorfeld der Weltwirtschaftskrise etablierte sich unter Anlegern der feste Glaube daran, dass die Nachfrage nach Öl für alle Zeiten höher als das Angebot sein werde. Ich erinnere mich noch heute beispielhaft an ein Gespräch im Frühjahr 2008 zurück, in dem mich eine Kundin aufgebracht tadelte: "Herr Grüner, kennen Sie nicht "Peak-Oil"? Sie glauben doch wohl nicht ernsthaft daran, dass der Ölpreis jemals wieder unter 100 US-Dollar pro Barrel fallen wird." Bereits wenige Monate nach diesem Gespräch kollabierten die Preise von über 150 US-Dollar auf rund 30 US-Dollar. Der Glaube an den ewigen und nahezu zwangsweisen Ölpreisanstieg wurde brutalstmöglich beendet. Völlig überraschend für den breiten Marktkonsens. Auch im Jahr 2016 stürzte der Ölpreis erneut bis auf 30 US-Dollar pro Barrel ab - in einem Umfeld voller Sorgen, dass die Nachfrage nach Öl in den kommenden Jahren komplett ausradiert werden könnte. Eine umgekehrte Blase.

Auch Edelmetallpreise flippen gerne mal aus

Im Jahr 2011 konnte man ebenfalls Fahnenstangen in der Preisbildung von Gold und Silber beobachten. Getragen von der Angst, dass Edelmetalle der einzig wahre Ausweg aus dem hochverschuldeten Finanzsystem darstellen würden. Noch heute sind die Rekordmarken von 1920 US-Dollar pro Feinunze Gold und fast 50 US-Dollar pro Feinunze Silber in weiter Ferne. Ein jahrelanger Bärenmarkt - der selbst heute noch nicht wirklich anerkannt wird - hatte damals begonnen. Viele Fans der Edelmetalle sehen hier eine über sechsjährige "Korrekturphase". Der regelrechte Crash wird schöngeredet. Definitionen scheinen der höchst subjektiven Willkür zu unterliegen.

Bitcoin als nächste Blase?

Mit dem sensationellen Kursanstieg der Bitcoin-Währung wird Anlegern nun in 2017 die nächste Fahnenstange präsentiert. Welche Schlüsse kann man aus der "Anatomie" derartiger Hypes ziehen? Worauf sollten Anleger besonders achten?

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Es gilt das übliche Muster: Bevor die große Dynamik zuschlägt, ist das Interesse an der zugrundeliegenden Anlageform gering. Oder haben Sie im Jahr 2013 unzählige Angebote von Plattformen bemerkt, die sich auf den Erwerb und Handel von Bitcoins spezialisiert haben? Haben zahlreiche Experten in den Medien das "günstige" Verhältnis 70 Euro pro Bitcoin thematisiert? In der Regel läuft es viel eher nach dem Prinzip "dynamischer Anstieg mit wenig Volumen" ab. Erst mit der Fahnenstange kommt der Hype, das breite Medieninteresse, die Gier der Anleger - und nicht selten der große Katzenjammer, wenn der große Verfall einsetzt.

Natürlich endet nicht jeder Hype unweigerlich in einem unmittelbaren Fiasko. Manche Entwicklungen brauchen einfach mehr Zeit (wie der US-Aktienindex Nasdaq), weil die Realität mit der enormen Erwartungshaltung einfach nicht so schnell Schritt halten kann. Andere Hypes enden in der Tat in der langfristigen Bedeutungslosigkeit. Werden Bitcoins tatsächlich eine attraktive, nachhaltige und zukunftsträchtige Anlageform sein? Das kann zum heutigen Zeitpunkt noch nicht mit ausreichend hoher Wahrscheinlichkeit festgestellt werden. Besorgniserregend ist allerdings, wie wenig diese Zukunftsfähigkeit hinterfragt wird: Gierige Anleger stellen wenig Fragen! Ein deutliches Warnsignal für Anleger, die lieber investieren statt zu spekulieren. Gefährlich wird es immer dann, wenn Marktteilnehmer fast schon aggressiv an den vermeintlichen Marktkonsens glauben, der da lautet: Bitcoins sind die Währung der Zukunft.

Wer heute auf Kryptowährungen setzt, der befindet sich definitiv im Bereich der Spekulation. Zum einen ist die Preisfeststellung von einer extrem hohen Volatilität gekennzeichnet, zum anderen spekuliert man auf die Tatsache, dass sich die Blockchain-Technologie tatsächlich etablieren kann. Anleger sollten stets ihre langfristigen Anlageziele in den Vordergrund rücken und sorgfältig prüfen, welche Rolle derartige Wetten im Gesamtportfolio spielen dürfen. Es gilt die universelle Regel: Wer zu schnell fährt, fliegt gerne mal aus der Kurve.

Nachhaltiger von Technologien profitieren

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Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Freitag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Wenn Sie auf ein langfristiges Wachstum hoffen, spekulieren Sie nicht - investieren Sie lieber. Legen Sie Ihren Fokus auf global aufgestellte Unternehmen, denen die zu Grunde liegende Technologie helfen könnte, ihre Prozesse sicherer, besser oder einfach günstiger zu machen. Ein gut aufgestelltes Unternehmen wird die Gelegenheit nutzen, zukunftsweisende Technologien aufzukaufen und in die eigenen Prozesse einzugliedern - sofern sie sich tatsächlich in der Branche etablieren. Der Effekt: Steigende Gewinne und letztendlich auch steigende Kurse. Und das alles, ohne das große Spekulationsrad mitdrehen zu müssen.

Fazit

Wenn uns die Historie der Hypes eines lehren will, dann ist es die Tatsache, dass ein fahnenstangenartiger Aufstieg IMMER zur Vorsicht mahnen sollte. Ihrer eigenen Meinung und Gier zum Trotz! Explosive Kursanstiege suggerieren die Chance auf schnellen Reichtum und animieren Anleger zu emotionalen Handlungen. Erfolgreiche Anleger müssen dagegen lernen, Emotionen auszublenden. Wer investiert und nicht spekuliert, kann der Bitcoin-Entwicklung gelassen entgegenblicken. Gleichgültig ob sich der Hype noch eine Weile fortsetzt, ob es 20 Jahre dauert, bis die Realität die Erwartungshaltung von heute eingeholt hat oder ob sich Bitcoins ebenso schnell wieder in Luft auflösen wie sie auf die Bildfläche getreten sind.

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