Sonntag, 24. September 2017

Börsenprofi Carsten Klude antwortet Können Bitcoins unser Währungssystem ersetzen?

Carsten Klude
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    Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Bitcoin - die wohl bekannteste Krypto-Währung - markierte im ersten Halbjahr einen Höchststand nach dem nächsten. Anfang Juni musste der bisherige Rekordwert von 2870 US-Dollar bezahlt werden, um eine Einheit Bitcoin zu erwerben, seitdem ging es unter deutlichen Schwankungen wieder leicht abwärts. Seit Jahresbeginn erzielte die virtuelle Währung per heute einen Wertzuwachs von 47 Prozent. In den letzten 24 Monaten hat sich der Preis sogar um sagenhafte 650 Prozent erhöht.

Bei den 16,42 Millionen im Umlauf befindlichen Bitcoins ergibt sich daraus ein Gesamtwert von 42,76 Milliarden US-Dollar. Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt eines Jahres von Kroatien. Da auch andere Krypto-Währungen, wie zum Beispiel das zuletzt sehr populäre Ethereum, millardenschwere Werte erreichen, gibt es gute Gründe, sich mit diesem Thema näher zu befassen.

Insgesamt existieren inzwischen rund 800 Krypto-Währungen. Hierunter versteht man digitale Währungen, die durch Kryptografie abgesichert sind, das heißt es werden verschlüsselte Codes zumeist dezentral und stets verteilt digital "weggeschrieben". Diese dezentrale Verteilung auf viele verschiedene Server verschafft Sicherheit, weil eine Manipulation fast unmöglich ist. Viele, aber nicht alle Krypto-Währungen basieren auf Blockchains, bei denen Datenblöcke an einen Datensatz nach festen Regeln angehängt werden. Bitcoin ist der bekannteste und älteste Blockchain.

Bei Bitcoin werden neue Blöcke über ein dezentrales Netzwerk geschaffen und nur dann an die Blockkette angehängt, wenn der neue Block verifiziert wurde. Die Verifizierung kostet Energie und Zeit und wird auch als "Mining" bezeichnet. Im Gegenzug für diese Leistung erhalten "Miner" neu geschöpfte Bitcoins. Der Schöpfungsgewinn fällt damit privaten Haushalten oder Unternehmen zu. Allerdings ist die Bitcoin-Geldmenge insgesamt begrenzt. Jedes Jahr kommt nur ein bestimmter Prozentsatz dazu, der sich immer weiter verringert, bis etwa im Jahr 2040 das Limit von rund 21 Millionen Bitcoin erreicht sein dürfte.

Die Krypto-Währungen sind deshalb so attraktiv, weil sie gegenüber herkömmlichem Geld einige Vorteile bieten:

1. Sie können nicht beliebig vermehrt werden, bieten daher einen gewissen Schutz gegenüber Inflation.

2. Die Währungen sind unabhängig von Banken und staatlichen Eingriffen.

3. Da zwischen Sender und Empfänger der Krypto-Währungen keine Daten ausgetauscht werden, bleibt die Anonymität von Transaktionen erhalten.

Die limitierte Geldmenge von Bitcoin wird von vielen Anlegern deshalb geschätzt, weil es die exorbitante Verschuldung von Staaten limitiert. In der wachsenden Staatsverschuldung sehen viele die Gefahr, dass eines Tages ein Schuldenabbau nur über Inflationierung gelingen kann. Die massiven Anleihekäufe der Zentralbanken wie der Federal Reserve oder der Europäischen Zentralbank werden als erstes Indiz in dieser Richtung interpretiert. Die Attraktivität der Krypto-Währungen kann insofern als Misstrauen gegenüber der Zentralbankpolitik interpretiert werden.

Doch haben Krypto-Währungen gegenüber dem vorherrschenden Geldsystem bedeutende Nachteile. Gerade die Limitierung der Geldmenge bringt die Gefahr von großen Preisschwankungen mit sich. Angenommen, Bitcoins wären die Weltwährung. Wächst in dieser Welt die Realwirtschaft sehr stark, so entsteht daraus eine erhöhte Nachfrage nach Geld. Dies führt dazu, dass der Wert von Bitcoins stark zunimmt. Die Preise für Güter und Dienstleistungen müssten gesenkt werden, damit sie noch gekauft werden. Es kommt also zu einer Deflation. Bleibt die Erwartung erhalten, dass der Wert des Bitcoins weiter steigt, können die Marktteilnehmer sogar ihren Konsum weiter aufschieben, was wiederum eine Deflationsspirale auslösen kann.

Die hohen Wertschwankungen des Bitcoin-Kurses behindern bereits aktuell die Akzeptanz als Zahlungsmittel. Denn wer bezahlt schon in Bitcoins, wenn er sich morgen einen höheren Kurs erhofft? Oder wer akzeptiert Bitcoins, wenn er damit rechnet, dass der Wert am nächsten Tag geringer sein wird? Entsprechend gering ist bisher der tatsächliche Umsatz in Bitcoins bei normalen Einkäufen. In den deutschen Großstädten gibt es bisher nur rund 100 Geschäfte oder Online-Anbieter, die Zahlungen in Bitcoins akzeptieren. Der tägliche Bedarf zum Leben lässt sich durch Bitcoins nicht ansatzweise decken.

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