Montag, 11. Dezember 2017

Börsenprofi Carsten Klude antwortet Können Bitcoins unser Währungssystem ersetzen?

2. Teil: Nachteil der Krypto-Währungen: Niemand greift stabilisierend ein

Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit von Wertschwankungen in einem Bitcoin-Währungsregime deutlich erhöht. Trotz einer Limitierung des zur Verfügung stehenden Volumens an Geldeinheiten sind auch Spekulationsblasen nicht ausgeschlossen. Denn selbst wenn es nicht zu hohen Inflationsraten über alle Güter und Dienstleistungen kommen kann, ist eine Verschiebung der Nachfrage zu bestimmten Gütern und damit der Preise nach wie vor möglich. Auch kann eine Spekulationsblase in der Währung selbst entstehen.

Der wesentlichste Nachteil eines Krypto-Währungsregimes ist, dass keine Möglichkeit mehr besteht, stabilisierend einzugreifen. Zentralbanken können dagegen zumindest den Versuch unternehmen, ausgleichend auf wirtschaftliche Entwicklungen zu wirken. So wird in Rezessionen, die deflatorisch wirken, mehr Geld zur Verfügung gestellt, um die Preise stabil zu halten. In Boomphasen, in denen Geld reichlich vorhanden ist, sollen Zinserhöhungen die Kosten der Geldaufnahme verteuern und somit das Geldangebot verknappen. Insgesamt hat ein Bitcoin-Währungsregime viele Parallelen zum Goldstandard, der bis zum Jahr 1971 in den USA galt. Die feste Bindung des US-Dollar an die vorhandenen Goldreserven führte dazu, dass das Wachstum der Weltwirtschaft in gewisser Weise mit der geförderten Goldmenge verknüpft und somit eingeschränkt war. Erst die Aufgabe des Goldstandards ermöglichte eine deutliche Wachstumsbeschleunigung der Weltwirtschaft.

Die Anonymität wiederum kann auch ein Problem für die Krypto-Währungen darstellen. Was für den einzelnen Privatbürger zunächst von Vorteil sein mag, kann für die Gesellschaft und damit für den Staat als dessen Hüter nachteilig sein. Denn wenn Transaktionen und Besitztümer versteckt werden können, dann erschwert dies die Erhebung von Steuern und mithin die Zurverfügungstellung sozialer Leistungen und öffentlicher Güter durch den Staat. Aktuell ist das Transaktionsvolumen noch so gering, dass es für die gesamte Volkswirtschaft keine Relevanz hat. Sollte die auf Bitcoin lautende Parallelwelt jedoch größer werden, dann steigen die Anreize für den Staat, die Krypto-Währung zu verbieten, um Steuerumgehung zu vermeiden.

Problemfall China

Ein sehr konkretes Beispiel ist der Kapitalexport aus China. Dieser ist durch Kapitalverkehrskontrollen aktuell stark eingeschränkt. Bitcoin und andere Krypto-Währungen funktionieren dabei als Ersatzvehikel. So kauft ein Chinese im Inland Bitcoins, reist dann ins Ausland und hebt sie dort wieder ab, um dann mit den eingetauschten US-Dollar eine Immobilie zum Beispiel in den USA zu erwerben. Zwar hat das Volumen der Transaktionen noch kein gefährliches Ausmaß angenommen, aber China kann dies auch kaum im großen Stil tolerieren. Haben doch erst rigide Kapitalverkehrskontrollen dazu geführt, dass sich das Volumen der Währungsreserven in den vergangenen Monaten wieder bei gut drei Billionen US-Dollar stabilisieren konnte.

Zudem könnten Krypto-Währungen aufgrund ihrer Anonymität auch besonders gut und leicht handhabbar für die Terrorismusfinanzierung genutzt werden. Dieser Aspekt birgt eine besonders große Gefahr, dass die virtuellen Währungen eines Tages verboten werden. Schließlich gibt es gewisse Nachteile in der Wertaufbewahrung. Immer wieder ist es in der Vergangenheit zu Diebstählen von Krypto-Wwährungen, auch bei Bitcoin, gekommen. Die sicherere Lagerung von Bitcoins über Offline-Wallets ist für viele zu kompliziert und unpraktisch.

Davon abgesehen: Wenn Bitcoin oder eine andere Krypto-Währung die Funktion des Zahlungsmittels nicht erfüllen werden, können sie vielleicht doch wegen ihrer Limitierung eine neue Art der Wertaufbewahrung als Alternative zu Gold darstellen. Doch auch hier gilt es wesentliche Bedenken zu beachten. Zum einen weisen alle Krypto-Währungen eine hohe Volatilität auf. Zwar wurden mit der Zeit in den meisten Fällen bisher Kursgewinne erzielt, ein falscher Einstiegszeitpunk kann jedoch auch erhebliche temporäre oder dauerhafte Wertverluste mit sich bringen. Die Volatilität ist derzeit höher als bei Gold. Zudem ist zwar Bitcoin im Volumen limitiert, aber immer neue virtuelle Währungen könnten das Interesse in andere Richtungen lenken und so vielleicht für den Gesamtmarkt zu einem Wachstum führen, aber nicht für jede einzelne Krypto-Währung.

Der Börsenkurs der Woche - vom Profi
Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Freitag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Für die nähere Zukunft dürfte die Fantasie bei Krypto-Währungen jedoch noch erhalten bleiben, zumal die expansive Geldpolitik der Zentralbanken fortgesetzt werden dürfte. Ein Verbot steht aufgrund der geringen Relevanz noch nicht zur Diskussion. Im Gegenteil hat mit Japan die erste große Volkswirtschaft Bitcoin als Zahlungsmittel legalisiert. Langfristig ersetzen werden Krypto-Währungen wegen der diversen Nachteile das bisherige Zahlungssystem jedoch nicht. Je bedeutender die Krypto-Währungen werden, desto stärker sind die Anreize für eine Regulierung durch den Staat, was wiederum deren Attraktivität mindert.

Für die Bedenkenträger bezüglich Inflationsgefahren sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass zwar die Geldmenge seit Jahren kräftig ansteigt, dafür aber die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes stark abgenommen hat. Das bedeutet, dass zusätzliche Liquidität schon allein deshalb notwendig ist, um diese Entwicklung auszugleichen.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH