Freitag, 21. September 2018

Korrektur am Aktienmarkt Warum die Börse jetzt wieder optimistisch stimmt

Aktienhändler an der Wall Street: Turbulenzen zum Einstieg nutzen.

Nach dem heftigen Auf und Ab der vergangenen Wochen lautet an der Börse die Frage: Was kommt da noch? Diese Woche brachte einige wichtige Hinweise.

Es waren die heftigsten Turbulenzen, die die Börse seit vielen Monaten, wenn nicht seit Jahren gesehen hat: Ende Januar rutschte der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen binnen weniger Tage um rund 11 Prozent ab. Mit dem breiten US-Index S&P 500, seit bereits knapp neun Jahren im ununterbrochenen Aufwärtsmodus, ging es zeitgleich ähnlich steil nach unten. Seither holpert es am Aktienmarkt, und viele Investoren dürften sich fragen: War es das bereits mit der Kurskorrektur, oder stehen noch weitere Verluste bevor?

Einige gute Hinweise zur Beantwortung dieser Frage lieferte die Börse in dieser Woche, und die können Anleger durchaus optimistisch stimmen. Gleich drei Mal erhielt der Aktienmarkt in den vergangenen Tagen einen möglichen Anlass, erneut abzurutschen - doch er tat es nicht. Stattdessen legten die Aktienkurse unbeirrt zu, sodass in der Wochenbilanz ein Plus von etwa 3 Prozent zu Buche steht. Wie es scheint, hat die Börse ihre Stabilität vorerst zurückgewonnen:

  • Am vergangenen Wochenende wählte Italien ein neues Parlament, und wie befürchtet legten rechtspopulistische und Euro-kritische Kräfte dabei deutlich zu. Vor einiger Zeit wurden solche Parlamentswahlen etwa in Frankreich oder den Niederlanden noch mit Spannung erwartet, auch am Aktienmarkt. Doch wie reagierte die Börse auf den Rechtsruck in Italien? Zwar hatten die Kurse schon im Vorfeld leicht nachgegeben. Und auch am Montag nach der Wahl eröffnete der Markt in Mailand mit einem Minus von mehr als 2 Prozent, das sich bis Handelsschluss allerdings auf minus 0,4 Prozent reduzierte. Europaweit jedoch blieben die Aktienkurse stabil. Der Index EuroStoxx 50 Börsen-Chart zeigen etwa legte am Montag sogar um mehr als 1 Prozent zu. Mit dem Dax ging es - auch unter dem Einfluss des positiven Votums der SPD-Mitglieder zur neuen Großen Koalition - am Wochenanfang ebenfalls aufwärts.
    Zwischenfazit: Nervöse Anleger am Aktienmarkt hätten nach der Italien-Wahl einen Anlass gehabt, sich erneut von Papieren zu trennen und die Kurse fallen zu lassen - doch sie taten es nicht.
  • Am Donnerstag trafen sich die Spitzen der Europäischen Zentralbank (EZB) einmal mehr, um über ihre Geldpolitik zu beraten. Den Leitzins beließen die Notenbanker erneut bei 0 Prozent. Doch sie signalisierten durch eine veränderte Formulierung der Einschätzung zum milliardenschweren Anleihekaufprogramm der EZB, dass das Ende der lockeren Geldpolitik nun offenbar auch in der Euro-Zone näher rückt. Investoren hätten auch dies als Steilvorlage nutzen können, um Aktien zu verkaufen und Kurse ins Rutschen zu bringen - doch das taten sie wiederum nicht. Stattdessen ließen sich die Börsianer durch die Beschwichtigungen von EZB-Präsident Mario Draghi auf dessen Pressekonferenz überzeugen und griffen bei Aktien erneut zu. So stieg der Dax am Donnerstagnachmittag in die Höhe und schloss letztlich signifikant im Plus.
    Zwischenfazit: Auch diese Gelegenheit, dem Aktienmarkt weitere Verluste beizubringen, ließen die Investoren verstreichen.
  • Am späten Donnerstagabend europäischer Zeit schließlich machte US-Präsident Donald Trump seine lange geäußerten Drohungen war und verhängte Zölle auf Importe von Stahl und Aluminium in die USA. Die Sorge um einen möglichen "Handelskrieg" zwischen den USA und der Europäischen Union sowie den aufstrebenden Ländern in Fernost hatte bereits seit Wochen für Verunsicherung an der Börse gesorgt. Auch Trumps öffentlichkeitswirksame Inszenierung am Donnerstag in Washington hätte also ein möglicher Anlass für besorgte Aktienanleger sein können, die Flucht zu ergreifen. Doch was geschah stattdessen: Trumps Einfuhrzölle, die nach Börsenschluss in Europa verhängt worden waren, ließen die Wall Street vergleichsweise kalt. Der Blue-Chip-Index Dow Jones Börsen-Chart zeigen etwa beendete den Handelstag mit einem geringfügigen Plus von 0,4 Prozent. Auch der marktbreite S&P 500 legte am Donnerstag um etwa 0,4 Prozent zu. Und der Dax notierte am Tag nach Trumps Zollentscheidung lediglich geringfügig im Minus, obwohl doch Deutschland zu den Ländern zählt, die am ehesten unter den Zöllen zu leiden haben dürften.
    Zwischenfazit: Nach dem lauten Säbelrasseln auf allen Seiten im Vorfeld von Trumps Maßnahme und den Kursbewegungen, die dadurch bereits ausgelöst worden waren, hätte eine heftigere Reaktion der Börse erwartet werden können. Dass sie ausblieb, erscheint bemerkenswert, und zwar insbesondere, wenn berücksichtigt wird, dass die Investoren aufgrund der vergangenen Turbulenzen ohnehin noch nervös sein müssten.

Ein weiteres Indiz dafür, dass an der Börse nach der Korrektur Ende Januar das Schlimmste womöglich schon überstanden ist, findet sich beim sogenannten Angstbarometer, dem Volatilitätsindex VDax. Dieser war auf dem Höhepunkt der Turbulenzen bereits kurzzeitig auf ein Niveau von 40 Punkten in die Höhe geschnellt, was gemeinhin als hochgradige Verunsicherung unter den Anlegern interpretiert werden kann, und was langfristig betrachtet nur äußerst selten vorkommt.

Inzwischen jedoch hat sich die Lage auch beim VDax wieder beruhigt: Der Index notiert aktuell bei knapp 18 Punkten.

Gut möglich also, dass die Optimisten am Markt recht behalten, die nun wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken. "Für den mittelfristigen Ausblick sind vor allem die Fundamentaldaten wie das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne als Treiber für die Marktentwicklung relevant", sagt etwa Ingrid Szeiler, Chefanlegerin der Raiffeisen KAG. "Diese sind unverändert positiv, weshalb wir an unserer positiven Einschätzung von Aktien festhalten."

Christoph Rottwilm auf Twitter

Ähnlich sieht es Hendrik Leber, Chef des Anlagehauses Acatis. Auch er hat sich durch die Kursturbulenzen nicht nervös machen lassen, wie er kürzlich in einem Interview verriet. Im Gegenteil: "Die hohe Volatilität ist eine Chance, zumal der Kurssturz durch risikobasierte Computerprogramme beschleunigt wurde", so Leber. "Da diese Programme einzig auf Kursbewegungen reagieren und nicht auf Fundamentaldaten, bot die Korrektur eine gute Gelegenheit, günstig bewertete Aktien nachzukaufen."

Eine Gelegenheit, über die womöglich auch Privatanleger nachdenken sollten.

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