Freitag, 14. Dezember 2018

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt 9 Jahre Bullenmarkt - darum sollten Anleger global investieren

Händler an der Wall Street: Die US-Börse lief in den vergangenen Jahren besser als die europäische.

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Am 9. März 2018 hat der globale Bullenmarkt sein neuntes Jahr vollendet. Feierlaune stellt sich in der aktuellen Korrekturphase allerdings nicht ein, eher steigen die Zweifel, dass dem laufenden Aufwärtstrend allmählich die Puste ausgehen könnte. Auch nach neun Jahren im globalen Aufwärtstrend sind die zahlreichen Kritiker noch nicht verstummt. Teilweise ist es auch nachvollziehbar, dass die Stimmungskurve nicht schnellen Schrittes in die optimistische Zone marschiert ist. Bei der Analyse der Marktstimmung auf globaler Ebene wird schnell deutlich: Es hängt viel von der Perspektive ab.

Der MSCI World Index gilt als geeigneter Bauplan für global orientierte Investoren, auch wenn die Emerging Markets kategorisch nicht in diesem Index vertreten sind. Mit 60 Prozent stellen US-Wertpapiere den Löwenanteil der MSCI World-Kapitalisierung. Dementsprechend ist für global orientierte US-Investoren der Blick auf den MSCI World mit einer größeren Schnittmenge in Bezug auf "inländische Wertpapiere" oder "Heimatwährung" verbunden als für europäische Investoren. Der Anteil der Euro-Währung beträgt auf Index-Ebene nur 15 Prozent.

Emerging Markets nicht im MSCI World vertreten

Für US-Investoren ist die Aussage somit leichter nachvollziehbar, dass wir uns seit neun Jahren im globalen Bullenmarkt befinden. Zum einen ist der "gedankliche Übergang" vom Heimatmarkt zu den globalen Märkten leichter - auch bei einer globalen Sichtweise bleibt für viele Anleger der Heimatmarkt repräsentativ für die Entwicklung der Aktienmärkte im Allgemeinen. Zum anderen können die US-Aktienmärkte natürlich auch eine "passende" Performance aufweisen. Die USA haben sich im laufenden Bullenmarkt regelmäßig als Zugpferd der globalen Märkte erwiesen.

Für global orientierte Euro-Investoren stellt sich die Situation anders dar. Der Blick auf den Heimatmarkt hat die These vom intakten Bullenmarkt nicht immer unterstützt. Im Rahmen der Euro-Krise 2011 mussten europäische Anleger Kursrückschläge hinnehmen, die einer Bärenmarkt-Definition vollauf genügten. Selbst der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen, der als Performance-Index berechnet wird, musste 2011 einen Rückgang von rund 35 Prozent verkraften. Auch vom April 2015 bis zum Februar 2016 büßte der Dax rund 30 Prozent ein. Sieht so ein intakter Bullenmarkt aus? Es ist nachvollziehbar, dass europäische (insbesondere auch deutsche) Anleger die letzten neun Jahre kritischer betrachten als die US-Investoren.

Nicht nur, dass die marktbreiten US-Aktienindizes weitaus robuster durch verschiedenste Korrekturphasen gekommen sind, auch die Gesamtperformance weist deutliche Unterschiede auf. Zur Verdeutlichung sind in nachfolgender Grafik sowohl MSCI USA und MSCI Europa in Euro dargestellt.

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Für diese beiden wichtigen Komponenten im MSCI World Index kann man festhalten: Die USA haben den laufenden Bullenmarkt immer wieder gestützt und vorangetrieben, Europa hat eher den Bremsklotz gespielt. Ein globaler Bullenmarkt, viele unterschiedliche Perspektiven - mit höchst unterschiedlichen emotionalen Reaktionen der Anleger.

Abhängig von der Währung

Im laufenden Bullenmarkt ist die Entwicklung des MSCI World Index in US-Dollar und in Euro gerechnet sehr ähnlich. Am 9. März 2009 notierte EUR/USD bei 1,27, heute stehen wir bei rund 1,23. Auch wenn sich Währungsentwicklungen langfristig immer wieder als Nullsummenspiele herausstellen können, so ist die kurzfristige Entwicklung doch sehr stark von Währungsschwankungen geprägt.

Im laufenden Bullenmarkt bewegte sich das Währungspaar EUR/USD noch im Jahr 2009 auf 1,50, um dann in den Jahren 2015 und 2016 beinahe auf Parität zu fallen. In der Folge sind die Performanceunterschiede in relativ kurzen Betrachtungszeiträumen gravierend. So erreichte der MSCI World Index im Kalenderjahr 2014 in US-Dollar 2,93 Prozent, in Euro gerechnet 17,21 Prozent. Im Kalenderjahr 2017 dagegen hängte die US-Dollar-Entwicklung mit 20,11 Prozent die Euro-Entwicklung mit 5,50 Prozent deutlich ab. Neben dem großen Einfluss der eigenen regionalen Komponente ist der Währungs-Blickwinkel somit ein zusätzlicher Faktor, der die Wahrnehmung in Bezug auf den "intakten Bullenmarkt" stark beeinträchtigt.

Fazit

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Es ist schwierig, bei der Betrachtung der globalen Märkte ein Pauschalurteil zu fällen. Jeder Investor denkt und rechnet eben in seiner eigenen Währung und legt den Fokus verstärkt auf den jeweiligen Heimatmarkt. Für global orientierte Investoren lässt sich festhalten: Ein Bullenmarkt auf globaler Ebene muss sich gegen unzählige Korrekturen und regionale Bärenmärkte durchsetzen. Währungsschwankungen gleichen sich langfristig oftmals aus, verzerren die Wahrnehmung allerdings zusätzlich und greifen vor allem die emotionale Komponente der Anleger an.

Langfristig betrachtet ist ein ausgewogenes, global aufgestelltes Portfolio dennoch der "angenehmste" Weg, vom Chancenreichtum eines marktbreiten Bullenmarkts zu profitieren, Korrekturen zu überstehen und kurzfristige Währungsschwankungen zu meistern.

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