Samstag, 16. Februar 2019

Aktien steigen - Risiken bleiben So gefährlich kann Optimismus an der Börse sein

Aktienhändler in Frankfurt: An der Börse ging es zuletzt wieder aufwärts - aber wie lange noch?
Getty Images
Aktienhändler in Frankfurt: An der Börse ging es zuletzt wieder aufwärts - aber wie lange noch?

Der deutsche Aktienmarkt ist stark in das neue Jahr gestartet. Wer glaubt, die Zeit der Turbulenzen und Kursverluste sei damit bereits beendet, könnte jedoch fatal falsch liegen.

Da ist sie wieder, die oft beschriebene "psychologisch wichtige Marke". Diesmal ist es die Schwelle von 11.000 Punkten, die der deutsche Aktienindex Dax in dieser Woche überschritt. Nach heftigen Verlusten im vergangenen Jahr hat der Index damit gegenüber seinen Tiefständen Ende Dezember bereits wieder etwa 7 Prozent gutgemacht.

Die Stimmung an der Börse hat sich also wieder etwas gebessert, und in den Köpfen der Investoren könnte nach dem Schritt über die 11.000 Punkte die Sorge vor einem schier unüberwindlichen Hindernis der Zuversicht auf weitere Kursgewinne gewichen sein - Stichwort "psychologisch wichtige Marke".

Tatsächlich gibt es einige Aspekte, mit denen sich die aktuelle Erholung der Aktienkurse begründen lässt. Am Freitag etwa gab es Signale, die auf eine Entspannung im US-chinesischen Handelsstreit hindeuteten. Dieser Konflikt belastet die Aktienmärkte weltweit seit Monaten. Sein Ende dürfte von Investoren erleichtert aufgenommen werden und für Kursgewinne sorgen.

Zudem kamen zuletzt freundliche Nachrichten von der Konjunktur: Wochenlang hatte die Sorge vor einer bereits eingetretenen "technischen Rezession" in Deutschland die Runde gemacht. Diese wäre vorhanden, wenn das Wirtschaftswachstum in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen negativ ausfiele.

Nachdem das hiesige Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2018 bereits geschrumpft war, richteten sich zu Jahresbeginn die Augen auf die Zahlen zum vierten Quartal, die das Statistische Bundesamt am Dienstag dieser Woche publik machte. Und siehe da: Die schlechte Nachricht blieb aus. In den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres konnte die deutsche Wirtschaft wieder leicht zulegen. Auch im Gesamtjahr 2018 gab es mit 1,5 Prozent wie erwartet ein positives Wirtschaftswachstum.

Ist also wieder alles gut an der Börse? Hat die Zeit der Turbulenzen ein Ende, können Anleger wieder auf die Käuferseite wechseln, um vom nächsten Kursaufschwung zu profitieren? Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Tatsächlich gab es zwischenzeitliche Erholungen wie gegenwärtig innerhalb des Kursrutsches der vergangenen zwölf Monate mindestens ein halbes Dutzend Mal. Das bedeutet noch längst nicht, dass die Kurse nun dauerhaft wieder nach oben tendieren. Im Gegenteil: Der Börsenabschwung, der vor allem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres Fahrt aufnahm, hatte gleich eine ganze Reihe von Ursachen - und die meisten davon haben nach wie vor Bestand:

  • Auch wenn die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal zulegen konnte und eine Rezession damit zumindest auf dem Papier vorerst vermieden wurde: Nach wie vor stehen die Zeichen in der Konjunktur in vielen Ländern weltweit auf Abkühlung. In den USA beispielsweise hat die Notenbank Fed gerade erst deutlich gemacht, dass sie bei den laufenden Zinserhöhungen durchaus den Fuß vom Gas nehmen kann, weil das schwächere Wirtschaftswachstum es offenbar empfehlenswert erscheinen lässt.
  • Entscheidend für die Aktienkurse ist auf lange Sicht die Entwicklung der Geschäfte der Unternehmen, festgehalten in Umsatz- und Gewinnzahlen. Zahlreiche Unternehmen haben im Laufe des vergangenen Jahres ihre Prognosen diesbezüglich gekappt. Auch an dieser Stelle ist eine Trendwende noch längst nicht zu erkennen.
  • Im Handelsstreit zwischen den USA und China gab es in der Vergangenheit immer wieder Anzeichen für eine vermeintliche Entspannung. Meist waren sie trügerisch. Auch in dieser Woche kam auf den Bericht des "Wall Street Journals", der die Börsianer aufatmen ließ, weil er beschrieb, wie die US-Regierung angeblich Zoll-Senkungen gegenüber China vorbereite, zügig ein Dementi aus Washington.
  • Nicht zuletzt spitzt sich die Lage in Großbritannien zu und es deutet immer mehr darauf hin, dass das Land aus der Europäischen Union austritt, ohne dass dafür ein Vertrag bestünde, der die folgenden Wirtschaftsbeziehungen regeln würde. Ein solcher No-Deal-Brexit dürfte den Druck auf die Aktienkurse ebenfalls nochmals zusätzlich erhöhen.
  • Auch die technische Analyse des Dax-Charts gibt noch keinen Anlass zur Entwarnung. Zwar sei der Index dreimal nicht weiter als bis auf 10.400 Punkte gefallen, was für einen "beruhigenden Puffer nach unten" spreche, so die Experten der Privatbank Donner & Reuschel. Die Kurschancen nach oben halten sich jedoch nach ihrer Ansicht im Rahmen. Der Dax scheine sich zwar "kurzfristig nach oben aufmachen zu wollen", heißt es in einer Analyse der Bank vom Freitag. Übergeordnet bleibe aber ein Abwärtstrend bestehen.
Christoph Rottwilm auf Twitter

Fazit: Der Sprung über die 11.000-Punkte-Marke mag bei Investoren vielleicht für zusätzlichen Optimismus gesorgt haben. Es gibt jedoch viele Gründe, die dafür sprechen, dass die Turbulenzen am Aktienmarkt sowie die Kursverluste noch längst nicht ausgestanden sind.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung