Dienstag, 18. September 2018

Dax am Scheidepunkt "Es fehlt nur noch die zweite Schulter"

Den Dax im Blick: Technische Analysten schauen täglich auf die Schwankungen der Kurscharts.

Aus Sicht der technischen Chartanalyse befindet sich der Dax gegenwärtig in einer brenzligen Situation. Martin Utschneider von der Privatbank Donner & Reuschel erläutert die Gefahr - und mögliche Chancen.

manager-magazin.de: Herr Utschneider, Charttechniker haben in den vergangenen Wochen vor der möglichen Ausbildung einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation beim Leitindex Dax gewarnt. Was hat es damit auf sich?

Utschneider: Das ist richtig, über mehrere Wochen sah es so aus, als bilde der Chart des Dax die Schulter-Kopf-Schulter-Formation aus. Dabei handelt es sich um eine der wichtigsten Konstellationen in der Charttechnik überhaupt, denn sie markiert einen Wechsel von einem Aufwärts- in einen Abwärtstrend. Kommt diese Konstellation zustande, so beginnt in der Regel ein Abrutschen, das erst nach deutlichen Einbußen wieder endet. Eine voll ausgebildete Schulter-Kopf-Schulter-Formation gilt daher als wichtiges Verkaufssignal.

Martin Utschneider
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    Martin Utschneider ist Experte für die technische Chartanalyse und arbeitet als Abteilungsdirektor im Bereich Technische Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel in München.

mm.de: Nun geben Sie aber Entwarnung und sagen, diese Gefahr könne für den Dax wohl ad acta gelegt werden. Wie kommt das?

Utschneider: Sie müssen sich die "SKS"-Formation vorstellen wie bei der menschlichen Anatomie. In unserem Fall gab es exakt am 2. März dieses Jahres beim Dax-Stand von 11.831 Punkten die Ausbildung der ersten Schulter. Der Scheitelpunkt wurde einige Wochen später, nämlich am 22. Mai beim Stand von 13.204 Punkten erreicht. Nun fehlt nur noch die zweite Schulter, die sich im Chartbild bislang lediglich etwas verkümmert darstellt. Entscheidend dafür ist die Dax-Marke von 11.800 Punkten - wird sie unterschritten, so ist die Schulter-Kopf-Schulter-Formation perfekt. Nach der Stabilisierung der vergangenen Tage sieht es aber nicht mehr so aus, dass es dazu kommen könnte.

mm.de: Das heißt ganz abgeschlossen ist die Sache doch noch nicht?

Utschneider: Es gibt keine zeitliche Eingrenzung, innerhalb derer die Formation zustande kommen muss. Es ist also nach wie vor denkbar, dass der Dax einknickt und unter die 11.800 Punkte fällt. Geschieht das, dann ginge es vermutlich deutlich weiter abwärts. Die nächste charttechnische Unterstützung wäre dann erst wieder bei 10.400 Punkten zu erwarten, soweit dürfte der Index dann also wohl fallen. Aber wie gesagt: Wir sehen derzeit eher eine Stabilisierung.

mm.de: Was heißt das für die kommenden Wochen?

Utschneider: Aus charttechnischer Sicht wichtig ist es nun, die 200-Tage-Durchschnittslinie zu überschreiten. Sie verläuft bei etwa 12.800 Punkten. Geschieht dies, so befänden wir uns wieder in einem dynamischen Bereich. Dann könnten wir von Kaufsignalen sprechen. Bis dahin befinden wir uns jedoch zunächst weiterhin sozusagen in charttechnischem Niemandsland.

mm.de: Sie wissen, dass die Charttechnik häufig belächelt wird. Wie verlässlich ist diese Analysemethode wirklich?

Utschneider: Belächelt ist noch eine recht freundliche Formulierung. Die Statistik spricht jedoch durchaus für die Charttechnik. Die Schulter-Kopf-Schulter-Formation beispielsweise, von der wir gerade sprechen, ist ein gutes Beispiel, denn sie ist eine der zuverlässigsten Konstellationen. Es wurde statistisch nachgewiesen, und zwar unter Einbeziehung verschiedener Zeiträume und Assetklasse, dass die Abwärtsprognosen, die die Charttechnik aufgrund dieser Formation macht, in der Vergangenheit zu fast 85 Prozent eintrafen.

mm.de: Da verwundert es nicht, dass wohl jede Bank und jedes größere Finanzhaus heute zumindest zum Teil auch die Charttechnik bei ihren Investmententscheidungen heranzieht. Sehr wahrscheinlich haben wir es also wohl auch mit einer Form der selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun, oder?

Utschneider: Das ist richtig. Weil viele Investoren die Charttechnik einsetzen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Prognosen, die darin getroffen werden, auch eintreffen. Aber das ist ja kein Manko, im Gegenteil: Mit der Charttechnik haben Investoren ein Instrument, dass sich vor allem im Risikomanagement heute sehr gut einsetzen lässt. Sie wissen, an welchen Punkten die Risiken steigen und können auf diese Weise sehr gut Verluste begrenzen. Das ist vergleichbar mit dem Fußball: Wichtig ist es zunächst einmal, kein Tor zu kassieren. Das ist der erste Schritt zum Erfolg.

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