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08. Februar 2013, 09:45 Uhr

Aktien

Banken oder Versicherer?

Von Lutz Reiche

Als volatil und risikoreich gilt das Geschäft der einen, als stabil und relativ sicher das der anderen. Banken und Versicherer trennen Welten, was auch ihr aktueller Geschäftserfolg zeigt. Welche Aktien sind noch einen Kauf wert?

Hamburg - Das Vertrauen der Deutschen zu Banken und Versicherern hat stark gelitten: In einer Umfrage des Nürnberger GfK-Vereins belegt der Banken- und Versicherungsssektor in Deutschland den letzten Platz unter den abgefragten Branchen. Das wird die Assekuranz wurmen. Bestehen ihre Lobbyisten doch darauf, mit Banken nicht stets in einem Topf zu landen. Beide Branchen trennen Welten, nicht zuletzt im Geschäftsmodell, betonen die Versicherer.

Im Grundsatz ist das richtig. Dabei wird jedoch oft übersehen, dass Policen zu einem großen Teil auch über den Bankschalter verkauft werden, dass Versicherer Hypothekenkredite vergeben, dass ein Konzern wie die Allianz einen der weltweit größten Vermögensverwalter unter seinem Dach beherbergt.

Dennoch: In ihrem Kerngeschäft sind Versicherer ganz anderen Risiken als Banken ausgesetzt. Diese Risiken müssen sie genauso wie die Zahlungsströme oft über Jahrzehnte im Voraus berechnen und ihre Kapitalanlage danach ausrichten. Kurzfristiges Profitdenken verbietet sich damit.

Und wer dieser Tage die Berichte deutscher Großbanken und Versicherer verfolgt, kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass sie Welten trennen.

Die Deutsche Bank ist zuvorderst damit beschäftigt, ihre Altlasten zu entrümpeln. Sie reduziert Bilanzrisiken radikal, schreibt Milliardenwerte ab und stellt Milliarden für Rechtsrisiken zurück. Alles folgt dem Ziel, die Kapitaldecke aufzubessern, die künftigen Basel-III-Anforderungen zu erfüllen. Der Druck ist groß, glaubt Analyst Konrad Becker von Merck Finck: "Wer als internationale Bank weiter bestehen will, muss die Anforderungen schaffen. Das verlangt der Markt. Wer nicht liefert, ist weg vom Fenster."

Die neue Doppelspitze der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, stärkt die geforderte Kernkapitalquote, der Preis ist hoch: Im vierten Quartal steht unter dem Strich ein Milliardenverlust und auf Jahressicht 2012 das schwächste Konzernergebnis seit 2008. Eine Prognose gibt das Management nicht, auch weil zusätzliche Milliardenlasten durch weitere Rechtsrisiken wie den Libor-Skandal drohen.

Banken kämpfen mit Altlasten, Versicherer schwimmen in Geld

Bei der Commerzbank zeichnet sich auch im vierten Jahr nach der Rettung durch den Staat keine Besserung ab. Sie kämpft ebenso mit Altlasten, die noch aus der Übernahme der Eurohypo und Dresdner Bank resultieren. Das Kerngeschäft mit Privatkunden und dem Mittelstand wirft viel zu wenig ab. Nach einem hohen Nettoverlust bricht das Jahresergebnis auf sechs Millionen Euro ein. Investoren vermissen eine überzeugende Strategie.

Ganz andere Signale senden die großen Versicherer aus. Die Branche schwimmt derzeit in Geld und wird ihren Aktionären im Gegensatz zu den deutschen Großbanken kräftig steigende Dividenden überweisen. Sieben Euro je Anteilsschein sind es bei der Münchener Rück - die zweithöchste Dividende in mehr als zwei Jahrzehnten.

Der weltgrößte Rückversicherer kann sich das leisten. Im abgelaufenen Jahr hat sich sein Nettogewinn mit 3,2 Milliarden Euro mehr als vervierfacht. Die Hannover Rück glaubt den für 2012 erwarteten Rekordgewinn von "mindestens" 800 Millionen Euro annähernd auch in diesem Jahr erreichen zu können. Die Dividende für die Aktionäre dürfte um fast ein Viertel steigen. Und so viel ist klar: Die Allianz wird für 2012 ihr operatives Ergebnis auf mehr als neun Milliarden Euro schrauben.

"In einer der besten Welten gelebt"

Wie schlägt sich das an der Börse nieder? Schließlich wird dort die Zukunft gehandelt. Im Jahr 2012, das für die Versicherer von steigenden Prämien, niedrigen Schäden und kräftigen Zuwächsen im Kapitalanlageergebnis gekennzeichnet war, hatten Anteilsscheine der Versicherer die Titel deutscher Großbanken weit hinter sich gelassen.

Seit Jahresbeginn tendieren Aktien der Assekuranz jedoch eher seitwärts, während vor allem Titel der Deutschen Bank mit mehr als plus 10 Prozent die Nase vorn haben. Bei Versicherungstiteln werden Investoren offenbar vorsichtiger.

"Rückversicherer haben im vergangen Jahr in einer der besten Welten gelebt", sagt Analyst Konrad Becker. Zwei wichtige Gewinntreiber des Jahres 2012 - kräftige Zuwächse bei Prämien und der Kapitalanlage - dürften in diesem Jahr jedoch bei weitem nicht die Wirkung wie im Vorjahr entfalten. Das deuten auch die Ergebnisse der ersten Vertragserneuerungsrunde für 2013 an. Das Prämienvolumen wächst kaum, höhere Preise lassen sich nur in einzelnen Segmenten durchsetzen, berichten Münchener und Hannover Rück.

Manager der Rückversicherer haben ihre Gewinnerwartungen auch deutlich heruntergeschraubt, wie eine Umfrage der Berater von Simon-Kucher zeigt. Rechneten sie im Vorjahr noch mit einem Gewinnplus von 16 Prozent, erwarten sie dieses Jahr nur noch rund 4 Prozent Gewinnzuwachs in dem Segment.

Versicherungsmanager senken ihre Gewinnerwartungen

Becker glaubt nicht daran, dass sich die Kursrally der Rückversicherer aus dem Vorjahr wiederholt. "Wenn man auf die Bewertung schaut, sind die Titel abgefeiert", meint er und rät zum Verkauf der Aktien von Münchener und Hannover Rück . Mit Blick auf die Münchener Rück gehört er damit zur Minderheit, wo derzeit etwa viermal so viel Analysten zum Kauf (denn zum Verkauf der Aktie) raten. Bei der Hannover Rück zeigen sich die Beobachter skeptischer, auch wenn hier die Kaufempfehlungen die Verkaufsempfehlung noch überwiegen.

Deutlich mehr Potential trauen Analysten dagegen der Allianz zu. Eine überragende Mehrheit (30) empfiehlt die Aktie zum Kauf, nur wenige zum Verkauf. Die Allianz ist ein Erstversicherer, die Sach- und Lebensversicherung sind ihre zentralen Sparten. Die möglichen Gewinnzuwächse in der Sachversicherung hält Becker nicht zuletzt wegen des harten Preiskampfes für begrenzt. Niedrige Kapitalmarktzinsen, die auch den Rückversicherern zusetzen, machten das Produkt Lebensversicherung unattraktiver. Die Erstversicherer stünden hier vor "großen Problemen", das Geschäft zu halten, geschweige denn auszubauen, meint Becker. Gleichwohl gesteht er Allianz zu, diese Probleme noch am besten zu meistern und die Gewinne etwa durch Kosteneinsparungen stärker steigern zu können als mancher Wettbewerber.

Und die Banken? Ungeachtet der Altlasten vieler Großbanken hängt deren Geschäftserfolg viel stärker von den Kapitalmärkten und der Konjunkturentwicklung ab. Ihre Ertragsströme sind daher volatiler als die der Versicherer. Doch ist das nicht ihr einziges Problem.

Kapital, Kapital, mehr Eigenkapital!

Banken hängen zudem am Tropf des billigen Geldes - auch deutsche Institute haben bei den günstigen Notkrediten im Zuge des LTRO-Programms der EZB zugegriffen. Die Commerzbank vermutlich mit bis zu 20 Milliarden Euro, wobei sie zehn davon bereits zurückzahlte. Der Feuerwehreinsatz der EZB mag das "Taumeln der Banken Richtung Abgrund" angehalten haben, wie es Becker formuliert. Doch ewig durchhalten ließe sich diese Politik nicht.

Hinzu kommen jeweils hausgemachte Probleme und eine verschärfte Regulierung der Banken, die für eine grundsätzlich pessimistischere Stimmung unter Investoren und Analysten sorgt.

Banken unterliegen derzeit einem stärkeren Regulierungsdruck als Versicherer. Das führt tendenziell dazu, dass sie ihr Eigenkapital erhöhen müssen und ihre Gewinne sinken werden. "Wenn es schlecht läuft, tritt beides gleichzeitig ein", sagt Becker. Allein die Umsetzung von Basel-III dürfte den Eigenkapitalbedarf der Deutschen Bank nahezu verdoppeln, schätzt Analyst Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler.

Mehr Eigenkapital: Deutsche Banken zittern vor der Fed

Vielmehr als Basel III fürchten international tätige deutsche Banken jedoch eine Entwicklung, wie sie sich in den USA abzeichnet. So will die Notenbank Fed, dass ausländische Häuser ihr Geschäft in den USA mit genauso viel Eigenkapital hinterlegen wie heimische Banken. Eine Deutsche Bank müsste dann nicht nur mehr Eigenkapital aufbringen, es verminderte auch die Fungibilität desselben. Eine Bank könnte ihr Eigenkapital also weniger dort einsetzen, wo es für sie am profitabelsten ist. Gerüchten zufolge erwägt auch Großbritannien, Auslandsbanken hier stärker in die Pflicht zu nehmen. Deutsche-Bank-Co-Chef Jain warnte die Fed bereits vor einem Regulierungswettlauf und schloss eine Verkleinerung des US-Geschäfts nicht aus.

Regulierung droht auch auf nationaler Ebene. Diese Woche hat die Bundesregierung den Entwurf zum Trennbankengesetz verabschiedet. Ziel ist es, den als riskant geltenden Eigenhandel einer Bank vom herkömmlichen Bankgeschäft zu trennen, um im Notfall die Kundeneinlagen zu schützen. Finanzminister Schäuble glaubt, dass bis zu zwölf Institute in Deutschland davon betroffen sind.

Riskanten Eigenhandel auf eigene Rechnung betreibt die Deutsche Bank nicht mehr. Doch reicht sie hohe Kredite an Hedgefonds aus, die mit dem Geld munter spekulieren. Nach aktuellem Stand droht ihr, dass sie zumindest ihr 100 Milliarden Dollar schweres Geschäft mit Hedgefonds in eine eigenständige Gesellschaft abspalten muss. Noch ist nichts entschieden. Müsste sich die Deutsche Bank aber als Trennbank organisieren, würde das die Refinanzierungskosten für eine dann eigenständige Investmentbank AG deutlich verteuern und das Geschäft weniger profitabel machen.

Neben Altlasten und hausgemachten Problemen - etwa das schwache Privatkundengeschäft der Coba oder die enormen Klagerisiken bei der Deutschen Bank - belasten also eine ganze Reihe von Unsicherheiten das Geschäft deutscher Großbanken. Becker macht das "tief pessimistisch" für die Institute und ihre Aktien. Viele Analysten teilen diese Skepsis bei der Commerzbank, deren Titel sie mehrheitlich zum Verkauf empfehlen. Wenn er sich zwischen Banken und Versicherern entscheiden müsste, würde Becker Aktien der Versicherer kaufen. "Hier fließen die Erträge einfach regelmäßiger, das macht das Geschäftsmodell weniger anfällig."


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