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04. Januar 2013, 07:39 Uhr

Dax-Geflüster

Washington bringt neue Chancen an die Börse 

Von Christoph Rottwilm

Demokraten und Republikaner haben im US-Etatstreit lediglich Zeit gekauft. Der Teilkompromiss wird dennoch an der Börse gefeiert - und kann trotz der verbleibenden Unsicherheiten weiterhin die Kurse treiben. Bis zum Dax-Rekordhoch von rund 8000 Zählern ist es nicht mehr weit.

Hamburg - Ein Flugzeugabsturz, ein Autounfall, ein Heiratsantrag, zunächst mal ohne Antwort versteht sich - in Hollywood nennen sie so etwas einen Cliffhanger: Am Ende einer Episode spitzt sich die Handlung dramatisch zu, und der Zuschauer muss zur Fortsetzung wieder einschalten.

Aus Sicht der Börse haben die Demokraten und Republikaner in Washington zum Jahreswechsel offenbar ebenfalls einen perfekten Cliffhanger produziert. Ausgerechnet im Etatstreit, beim fatalen Thema Fiskalklippe ("fiscal cliff") also, wurde zwar eine Lösung gefunden, die das Schlimmste für die USA zunächst verhindert. Aus der Welt sind die Haushaltsprobleme damit aber noch längst nicht - es bleibt also spannend.

Geeinigt haben sich US-Präsident Barack Obama und seine republikanischen Widersacher nämlich bislang lediglich auf Steuererhöhungen für Vermögende. In spätestens zwei Monaten müssen sich die Parteien erneut zusammenraufen. Bis dahin muss auch bei den staatlichen Ausgabenkürzungen ein Kompromiss her. Gelingt das nicht, so kommt es zum gefürchteten "Sequester", nämlich automatischen Ausgabenkürzungen um 1,2 Billionen Dollar in den kommenden zehn Jahren.

Die Folge: Die Sorge, dass die größte Volkswirtschaft der Welt in die Rezession stürzen könnte, ist zwar vorerst verflogen. Wären die Verhandlungen gescheitert, so hätten bekanntlich automatische Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen im Volumen von insgesamt 600 Milliarden US-Dollar pro Jahr die US-Wirtschaft belastet - und zweifellos erneut in die Knie gezwungen.

Ein weiterer neuralgischer Punkt

Eine Portion Unsicherheit bleibt jedoch im Markt. Denn die Sorge um den billionenschweren Ausgabenschnitt wird die Börse in den kommenden Wochen weiter beschäftigen.

Das kann sich positiv wie negativ auswirken. Bernd Hartmann etwa, Chefstratege der Liechtensteiner VP Bank, ist eher pessimistisch. "Eine Einigung bei den noch offenen Punkten dürfte bis März schwer zu finden sein", sagt er. "Seit dem Sommer 2011 wurde in der Sache bereits kein Kompromiss gefunden."

Hinzu kommt laut Hartmann ein weiterer neuralgischer Punkt: die Debatte um die US-Schuldengrenze. "Die notwendige Anhebung der Schuldengrenze wird an der Börse schon bald für erneute Unsicherheit sorgen", sagt der Anlageprofi. "Es ist zu erwarten, dass die Fronten in dem Punkt weiter verhärtet und die Parteien noch weniger zu Kompromissen bereit sind."

Schließlich: Auch realwirtschaftlich dürften die Sparanstrengungen die US-Wirtschaft laut Hartmann stärker belasten, als dies die meisten Konjunkturexperten vorhersagen. Anleger sollten sich nach seiner Ansicht daher in nächster Zeit auf hohe Volatilität und Rückschläge gefasst machen.

Welche Aktien bis zu 70 Prozent unter Buchwert notieren

Möglicherweise. Vielleicht kommt es aber auch anders, wie zum Beispiel Felix Schleicher vom Vermögensverwalter Value Asset Management erwartet. "Das Risiko eines Scheiterns der Verhandlungen wird von den Märkten nicht ernst genommen", sagt er. "Die Börse geht davon aus, dass Washington erneut einen - wenn auch faulen - Kompromiss finden wird und die automatischen Ausgabenkürzungen ausbleiben." Schleicher sieht nicht zuletzt deshalb weiterhin großes Kurspotenzial an den Aktienmärkten.

Ein Blick auf die jüngste Kursentwicklung jedenfalls spricht eher dafür, dass die Optimisten zurzeit die Oberhand haben. Seit Monaten bewegt der US-Etatstreit den Markt, und zwar bislang vor allem nach oben. Zunächst war es die Hoffnung auf eine Einigung, und zuletzt der Teilkompromiss aus der Neujahrsnacht selbst, die die Kurse steigen ließen. Allein am ersten Handelstag des neuen Jahres legte der Dax um 2,2 Prozent zu. Der US-Index Dow Jones erzielte am 2. Januar ein Plus von 1,9 Prozent.

Das Problem ist allerdings: Nach dem erfolgreichen Jahr 2012 mit einem Plus von fast 30 Prozent notiert der deutsche Leitindex inzwischen bereits auf hohem Niveau. Von den aktuell fast 7800 Punkten ist es nicht mehr weit bis zum bisherigen Höchststand vom Oktober 2007, als der Dax kurz über die 8000 sprang. Die Hochstände vom Beginn des neuen Jahrtausends hat der Index ohnehin längst passiert. Die Dot-Com-Blase sowie beispielsweise eine Telekom-Aktie mit einem Kurs von mehr als 100 Euro hoben den Dax seinerzeit dicht unter die Marke von 7600 Punkten.

Experte: "Der Dax ist nicht billig"

"Der Dax ist nicht billig", sagt auch Investmentprofi Schleicher. "Ebensowenig wie beispielsweise der amerikanische S&P 500." Eine Ursache dafür sieht der Portfoliomanager darin, dass internationale Blue-Chips wie McDonald's , Coca-Cola oder Heineken bereits hoch bewertet und "ausgereizt" sind. Schleicher rät daher zum Blick auf weniger etablierte Marktsegmente, etwa in Italien oder Japan.

Sein Favorit sind allerdings Beteiligungsgesellschaften wie die US-amerikanische Berkshire Hathaway von Warren Buffett. Dem Investmentguru aus Omaha, der sich jüngst ein Mega-Solarprojekt des US-Konzerns Sunpower einverleibte, gelang es, den Buchwert seines Unternehmens innerhalb der vergangenen fünf Jahre um 50 Prozent zu steigern, sagt Schleicher. Der Aktienkurs von Berkshire Hathaway dagegen sank im gleichen Zeitraum um 5 Prozent.

"Viele Beteiligungsgesellschaften werden mit Abschlägen zum Buchwert von bis zu 70 Prozent gehandelt", so Schleicher. "Selbst, wenn sich diese Abschläge in nächster Zeit nur halbieren, bedeutet das für Anleger, die jetzt einsteigen, eine Verdopplung ihres Einsatzes."

Doch werden die Bewertungen der Papiere auch wirklich wieder steigen? Auch bei dieser Frage lässt die Auflösung auf sich warten.


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