Mittwoch, 29. Juli 2015

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Aktienabstinenz 2012 Stell Dir vor, Aktien steigen, und keiner ist dabei

Händler an der Börse: Deutsche Sparer sind skeptisch gegenüber Aktien - und die Politik trägt dazu bei, diese Skepsis noch zu verstärken

Knapp 30 Prozent konnten Dax-Anleger im Jahr 2012 verdienen - doch kaum einer tat es. Schuld an der Aktienabstinenz ist auch die Politik: Sie setzt alles daran, die Aktienkultur in Deutschland klein zu halten.

Hamburg - Was für ein Jahr für Dax-Aktionäre - am Ende konnten sie ein Plus von knapp 30 Prozent verbuchen. Das ist deutlich mehr, als sie mit Gold Börsen-Chart zeigen oder einem Investment im US-Leitindex Dow Jones Börsen-Chart zeigen verdienen konnten - dort waren es jeweils nur rund 5 Prozent. Beim Dax-Spitzenreiter - Aktien des Autozulieferers Continental Börsen-Chart zeigen - lag der Kursgewinn sogar bei mehr als 80 Prozent.

Was für ein Jahr also für Anleger - zumindest für Hedgefonds oder für Investmentbanken. Nicht jedoch für Deutschlands Privatanleger; sie haben in der Mehrzahl die Dax-Rally verpasst. Gab es im Jahr 2000 noch mehr als 6 Millionen Aktionäre in Deutschland, waren es 2011 nur noch knapp 4 Millionen, notiert das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Und aus Aktienfonds zogen die Deutschen im Jahr 2012 bis zum Oktober rund 7 Milliarden Euro ab, rechnet der Bundesverband Investment und Assetmanagement (BVI) vor.

"Die klassische Anlegerkarriere läuft vielmehr so: anfangs ein Sparbuch, dann der Bausparvertrag oder die Lebensversicherung, dann das Haus - und erst kurz vor der Rente Aktien", sagt Hans-Peter Schupp, Vorstand der Fondsboutique Fidecum. Doch wie sollen die Deutschen auch Zutrauen zur Aktie fassen? Die Kursschwankungen inklusive zweier veritabler Crashs waren seit dem Jahr 2000 enorm - und die Politik tut zusätzlich alles dafür, den deutschen Sparern diese Wertpapiere zu verleiden. Und das ist mittelfristig ein Fehler.

In Deutschland werden unabhängig von der Haltefrist 25 Prozent Abgeltungssteuer auf Kursgewinne fällig - und im Gegensatz zu den meisten europäischen Nachbarn fallen die Sparer-Pauschbeträge in Deutschland mit 801 Euro pro Jahr geradezu lächerlich aus. In Großbritannien, Frankreich und Spanien sind sie deutlich höher. Zudem werden Dividenden in Deutschland doppelt besteuert - zunächst beim Unternehmen, und im zweiten Schritt beim Aktionär.

Wer festverzinslich anlegt, verliert an Kaufkraft

Zwei Faktoren machen es jedoch unumgänglich, über Aktien nachzudenken. Der eine ist die demografische Veränderung - immer weniger Arbeitskräfte müssen immer mehr Ruheständler finanzieren. Um die entsprechenden Kosten nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, muss die Politik reagieren: Entweder sie senkt die Rentenauszahlungen oder sie erhöht die Rentenbeiträge. Indem sie das Eintrittsalter auf 67 Jahre erhöht hat, hat sie sich de facto für den zweiten Weg entschieden.

Der andere Faktor ist die europaweit steigende Staatsverschuldung. Bei einigen Ländern der Europäischen Union liegt diese bereits bei 90 Prozent und mehr der jährlichen Wirtschaftsleistung, so dass ihre Gestaltungsspielräume stark einschränkt sind. Griechenland oder Portugal sind Beispiele dafür. Andere sind auf dem Weg dorthin - weil sie entsprechende Garantien übernommen haben. So wie Deutschland.

Und das bedeutet, dass die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank auf absehbare Zeit niedrig bleiben und Anleihen entsprechend niedrig verzinst werden. "Zehnjährige Bundesanleihen bringen weniger als 1,5 Prozent jährlich", sagt ein Sprecher des BVI. "Zugleich beträgt die Geldentwertung mehr als 2 Prozent pro Jahr. Wer festverzinslich anlegt, verliert damit Jahr für Jahr an Kaufkraft."

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