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16. November 2012, 14:18 Uhr

Aktienmarkt auf Talfahrt 

Dax-Anleger zittern um den Dow Jones

Von Christoph Rottwilm

Der US-Standardindex Dow Jones hat in kurzer Zeit fast tausend Punkte verloren. Jetzt warnen Analysten: Eine kritische Grenze wurde passiert, es dürfte um Hunderte Punkte weiter abwärts gehen. Dem Sog könnte sich wohl auch der Dax nicht entziehen.

Hamburg - Die Royal Bank of Scotland (RBS) schlägt Alarm. Die jüngste Abwärtsbewegung des US-Standardwerteindex Dow Jones ging ein Stück zu weit, so die Bank in einem aktuellen Newsletter. Mit Verweis auf die technische Analyse des Dow-Charts schreibt sie, in der Vergangenheit hätten sich die Kurse in vergleichbaren Situationen fast immer nur in eine Richtung weiterbewegt: steil nach unten.

Tatsächlich hat der Dow in den vergangenen Tagen bereits eine eindrucksvolle Talfahrt hingelegt, ausgelöst vor allem von der Wiederwahl des US-Präsidenten Barack Obama. Stand der Index Mitte Oktober noch bequem bei mehr als 13.500 Punkten, so sind es zurzeit lediglich 12.570 Punkte. Ein Minus von fast tausend Punkten oder mehr als 7 Prozent in einem Monat. Allein 5 Prozent verlor der Dow Jones seit dem 6. November, dem Tag der US-Wahl also.

Der Hauptgrund für die Kursverluste liegt nach Angaben von Marktteilnehmern in der Unsicherheit über die US-Haushaltspolitik. Das Problem wurde unter dem Stichwort "fiscal cliff" bereits vielfach beschrieben: Nur noch bis Jahresende haben Obama und die oppositionellen Republikaner Zeit, sich auf einen Plan zum Abbau des US-Haushaltsdefizits zu einigen. Gelingt das nicht, werden die Staatsausgaben automatisch gekürzt und die Steuern erhöht. Das könnte die größte Volkswirtschaft der Welt in eine neue Rezession stürzen, sagen Experten.

Wie sensibel die Börse auf dieses Thema reagiert, zeigte sich erst am Mittwoch dieser Woche. Da gab Obama die erste Pressekonferenz seit seiner Wiederwahl. Erneut bekräftigte der Präsident sein Vorhaben, reiche Amerikaner stärker zu besteuern. An der Wall Street löste er damit zusätzliche Verluste aus.

Chart-Techniker sehen Dow bei 12.000 Punkten

Der Markt sei mit der Hoffnung auf optimistische Töne aus Washington zum "fiscal cliff" in den Tag gestartet, kommentierte Randy Frederick vom Charles Schwab Center for Financial Research gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Bekommen haben wir nichts." Denn Steuererhöhungen für Millionäre, das weiß nicht nur Frederick, dürften wohl das letzte sein, dem die Republikaner zustimmen werden.

Die Sorgen um die US-Wirtschaft allein würden wohl schon ausreichen, um den Druck auf die Kurse aufrechtzuerhalten. Und da die Berichtssaison für das dritte Quartal gerade endet, dürften auch von den Unternehmen vorerst kaum Nachrichten kommen, die dem Trend entgegenwirken.

Doch es gibt weitere Probleme, die die Anleger irritieren. Die Euro-Zone mit ihrer Schuldenkrise sowie der seit dieser Woche offiziellen erneuten Rezession etwa, oder die schwächelnde Konjunktur in China. Zu allem Überfluss hat Israel am Mittwoch eine Offensive gegen Extremisten im Gazastreifen gestartet. Der Einschlag der Rakete, die den hochrangigen Hamas-Mann Ahmed Dschabari tötete, lies auch in New York und anderswo das Börsenparkett erzittern.

Gründe genug also, an sinkende Aktienkurse zu glauben, wie die RBS. "Das Unterschreiten der 13.000-Punkte-Marke löste im US-Leitindex ein Verkaufssignal aus, das bislang immer Bestand hatte", so die Analysten der Bank. Bei 12.500 Punkten treffe der Index auf eine "Unterstützungszone", in der er erneut die Chance zur Stabilisierung habe. Nutze er die nicht, gehe es direkt weiter hinab bis auf 12.000 Punkte.

"Wenn das Theater vorüber ist, hat die US-Börse beste Chancen"

Käme es tatsächlich soweit, so würde das am hiesigen Aktienmarkt wohl kaum unbemerkt bleiben. Schon in den vergangenen Tagen bewegte sich der Dax im Gleichschritt mit dem Dow Jones und anderen US-Kursbarometern abwärts. Seit der US-Wahl am 6. November entstanden auch in Frankfurt Kursverluste von rund 5 Prozent. Am heutigen Freitag rutschte der Leitindex sogar wieder unter die Marke von 7000 Punkten.

Doch Chartanalyse hin oder her: Die hervorragendste Eigenschaft der Zukunft ist ja, dass keiner sie kennt. Und am Aktienmarkt gibt es durchaus Optimisten, die düsteren Prophezeiungen wie jener von der RBS widersprechen. Zum Beispiel Felix Schleicher, Partner beim Vermögensverwalter Value Asset Management in München. "Das Unterschreiten von einer großen Zahl wie 13.000 hat meines Wissens überhaupt keine Aussagekraft über die weitere Börsentendenz", sagt er. "Es liegt in der Natur des Menschen, dass er Unsicherheiten hasst und deshalb versucht, irgendwelche Muster zu sehen, die mehr Sicherheit bieten."

Ob das wissenschaftlich und statistisch irgendwie untermauert sei, spiele keine Rolle, so Schleicher zu manager magazin online. Mit seinem Team von Value Asset Management sieht er den US-Markt differenziert. "Auf der einen Seite stehen teure Multis wie Coca-Cola und McDonald's im Konsumbereich oder eine Home Depot ", so Schleicher. Deren Kurs-Gewinn-Verhältnisse lägen mit 17 bis 20 schon recht hoch.

Dax-Anleger können nicht aufatmen

Auf der anderen Seite gebe es beispielsweise Berkshire Hathaway , die nur knapp über Buchwert notiere, sowie Tech-Aktien wie Hewlett-Packard , Dell oder Microsoft . "Die sind spottbillig mit KGVs zwischen drei und acht", sagt der Experte. "Auch die US-Großbanken wie JPMorgan , Wells Fargo oder Goldman Sachs sind im Gegensatz zu der europäischen Konkurrenz in bester Verfassung und weiterhin günstig."

Der Investmentprofi ist sich sicher: "Wenn das Theater um das 'fiscal cliff' vorüber ist, hat die US-Börse allerbeste Chancen."

Doch auch Schleichers Zuversicht hat Grenzen. Und ausgerechnet für den deutschen Aktienmarkt sieht er weniger Chancen. "Die Zusammensetzung des Dax ist eher zyklisch, etwa wegen der Autobauer", sagt er. "Qualitativ gute Titel wie Beiersdorf sind zudem überteuert." Auch die Energiewende dürfte Deutschland nach Ansicht Schleichers zu schaffen machen und zusammen mit steigenden Löhnen Wettbewerbsfähigkeit kosten. "Das könnte die Kurse letztlich stark belasten."

Kurz gesagt hieße das: Der Alarm der RBS könnte verfrüht gekommen sein. Dax-Anleger können aber möglicherweise trotzdem nicht aufatmen.

Fotostrecke: Wie Obama die Börsen in die Knie zwingt


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