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10.08.2012
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Ratingagenturen
"Völlig anderes Muster als früher"

Von Arne Gottschalck

Standard & Poor's: "Ratingagenturen haben bei den beiden grössten Erschütterungen der Weltwirtschaft in jüngerer Zeit, der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise, eine zentrale Rolle gespielt"
DPA

Standard & Poor's: "Ratingagenturen haben bei den beiden grössten Erschütterungen der Weltwirtschaft in jüngerer Zeit, der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise, eine zentrale Rolle gespielt"

Ratingagenturen diskriminieren die Euro-Länder - zu diesem Befund kommt Manfred Gärtner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Die Politik muss den Markt von den Ratings der US-Ratingelefanten emanzipieren, sagt er im Gespräch mit manager magazin online.

mm: Professor Gärtner, Sie haben herausgefunden, dass die Agenturen Europas Länder härter anfassen als solche aus dem Nicht-Euro-Raum. Woran machen Sie das fest - Schnelligkeit der Abstufung, Härte der Abstufung, Timing?

Gärtner: Unsere Studie quantifiziert mit statistischen Methoden die Abhängigkeit der Staatenratings von diversen für die Solvenz eines Landes relevanten Kenngrössen wie der Verschuldungsquote, der Defizitquote, oder dem Wirtschaftswachstum. So erhalten wir ein Modell, ein Muster, das den Grossteil der Ratings relativ gut erklärt. Betrachtet man aber die heutigen Sorgenkinder der Eurozone genauer, so zeigt sich, dass diese seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 in abweichender Weise beurteilt wurden. Nach einem völlig anderen Muster als früher. Und nach einem völlig anderen Massstab als andere Länder heute.

mm: Und könne Sie uns ein Beispiel geben für derart fehlerhafte Urteile und was dies für das entsprechende Land bedeutet?

Gärtner: Natürlich haben sich Finanzen und Wirtschaft in vielen Ländern nach der Finanzkrise negativ entwickelt. Damit kann man eine Herabstufung etwa von Irland und Portugal um 1,5 beziehungsweise 0,5 Ratingstufen rechtfertigen. In Wirklichkeit wurden sie um 7 beziehungsweise 8 Stufen nach unten versetzt. Das treibt die Zinssätze nach oben. Staaten müssen sparen, was die Konjunktur abwürgt. Die Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen.

mm: Was meinen Sie - worin liegt das begründet?

Gärtner: Das Verhalten der Ratingagenturen reflektiert ihre Interessenlage. Als Lehman Brothers 2008 in den Konkurs ging und die Weltwirtschaft vor einem totalen Kollaps stand, war man sich einig, dass die Finanzmärkte auf ein vernünftiges Mass zurückgestutzt werden müssen. Das konnte den Agenturen selbst nicht gefallen, deren Umsätze ja direkt mit der Grösse des Finanzsektors wachsen, und auch nicht ihren Eigentümer, die mehrheitlich Schlüsselakteure auf den Finanzmärkten sind. Man musste einen Weg finden, die zu allem entschlossenen Regierungen zu stoppen und der ob der Finanzmärkte höchst erzürnten Volksseele einen neuen Schuldenbock präsentieren. Da boten sich natürlich die Staatsfinanzen an, welche sinnigerweise wegen der Finanzkrise, und damit letztlich von den Ratingagenturen selbst, in den roten Bereich getrieben wurden. Das war erfolgreich. Die Medien, die Politik, weite Teile der Wissenschaft glauben inzwischen tatsächlich, es sei das Schuldenanhäufen zügelloser Regierungen, das uns in die jetzige Lage gebracht hat. Nur noch sporadisch erinnert uns jemand zaghaft daran, dass wir das falsche Schwein durch das Dorf treiben.

mm: Ratingagenturen haben in der Öffentlichkeit ein viel größeres Gewicht als noch vor zehn Jahren. Wie sieht der wissenschaftliche Befund aus?

Gärtner: Das hat zum einen damit zu tun, dass Ratingagenturen bei den beiden grössten Erschütterungen der Weltwirtschaft in jüngerer Zeit, der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise, eine zentrale Rolle gespielt haben und noch spielen. Zum anderen haben sich die Agenturen in neue Geschäftsfelder begeben, in welchen sich ihre Tätigkeit viel direkter auf die materielle Wohlfahrt eines Grossteils der Öffentlichkeit auswirkt als früher. Am deutlichsten zeigt sich dies bei den Staatenratings. Ein versehentliches oder auch böswilliges Drehen an dieser Schraube kann ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben. Aber auch die massiven Irrtümer bei der Einstufung vieler Finanzprodukte haben viele Anleger bezüglich ihrer persönlichen Finanzen in Schrecken versetzt, aber auch bezüglich der Erkenntnis, welche systemischen Risiken daran haften.

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Zur Person

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    Manfred Gärtner arbeitet als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Neben der Rolle der Ratingagenturen in der Euro-Zone erforscht er insbesondere Grundlagen makroökonomischer Krisen, aber auch die Lohnentwicklung.









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