Freitag, 6. März 2015

Ratingagenturen "Völlig anderes Muster als früher"

Standard & Poor's: "Ratingagenturen haben bei den beiden grössten Erschütterungen der Weltwirtschaft in jüngerer Zeit, der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise, eine zentrale Rolle gespielt"

2. Teil: Volkswirtschaften in den Ruin treiben

mm: Lässt sich der Befund der Diskriminierung eigentlich auch auf Unternehmensanleihen fortführen?

Gärtner: Das haben wir nicht untersucht. Aber die Agenturen sagen selbst, dass Länderratings quasi einen Deckel für die Ratings der im Land tätigen Unternehmen darstellen. Ein Unternehmen kann demnach keine bessere Bonität haben als das Land, in dem es operiert. Deshalb dürften Herabstufungen von Ländern in vielen Fällen auch die Kreditaufnahme von Unternehmen unvorteilhaft beeinflussen. Standard & Poor's hat dies ja jüngst am Beispiel Deutschlands illustriert. Erst wurde der Ausblick für das Land auf negativ gesetzt. Und dann zog man dies als Begründung dafür heran, auch diverse Bundesländer und viele Banken herabzustufen.

mm: Würde die Schaffung einer europäischen Ratingagentur daran etwas ändern?

Gärtner: Der Schritt wäre sinnvoll, da die von manchen vertretene These ja nicht völlig absurd ist, das jüngere Gebaren der Ratingelefanten in Europas Porzellanladen diene auch der US-amerikanischen Politik. Es brächte aber keine Lösung der manifesten Probleme. Wichtiger als der geographische Standort ist die institutionelle Aufgleisung einer solchen Agentur und das Geschäftsmodell, mit dem sie arbeitet. Evidente Problembereiche wie das Ratingshopping, Gefälligkeitsratings insbesondere bei komplexen Finanzprodukten, vorhandene Interessenskonflikte, aus dem Verkehr mit Auftraggebern, aber auch aufgrund der Besitzverhältnisse, sind systemisch und würden auch bei einer in Europa domizilierten Agentur spielen. Grundsätzlich müssen Ratingagenturen aus dem Finanzmarkt herausgelöst werden. Sie dürfen nicht weiter integraler und intensivst verbandelter Bestandteil der Finanzindustrie sein.

mm: Viele Investoren erklären, die Ratings seien nicht so wichtig, nutzen sie aber dennoch. Wie erklären Sie sich diese Ambivalenz?

Gärtner: Das ist richtig. Staatenratings basieren auf öffentlich verfügbaren Informationen. Sie können keine Informationen vermitteln die nicht jedem Anleger und jeder Bank vorliegen. Das ist ein zentraler Unterschied zu den anderen Hauptbetätigungsfeldern der Agenturen, dem Rating von Unternehmen und von Finanzprodukten. Dass trotzdem fast jede Ratinganpassung zu Reaktionen auf den Finanzmärkten führt hat eine menschliche und eine technische Ursache. Zum einen muss sich mein Anlageberater wohl nach einer Herabstufung Spaniens nicht für den Verkauf spanischer Staatsanleihen rechtfertigen, selbst wenn deren Wert anschliessend doch nicht fällt. Würde er sie nicht verkaufen, hätte er dagegen einen schweren Stand, insbesondere wenn ihr Wert dann tatsächlich sinkt. Zum anderen verlangt ja das Vertragswerk Basel II von Vermögensverwaltern Portfolioanpassungen wenn sich die Bonität einer Anleihe ändert. Eine Bank muss also in vielen Fällen auch dann reagieren, wenn sie die Herabstufung eines Landes für nicht gerechtfertigt hält. Da ist es dringliche Aufgabe der Politik, den Markt von den Ratings zu emanzipieren.

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