Donnerstag, 27. Juli 2017

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Dax-Geflüster Wie Anleger den Börsenturbulenzen trotzen können

Hektik im Handel: Das Börsengeschehen kann Anlegern derzeit an den Nerven zerren

Euro-Krisengipfel, Griechen-Referendum, Regierungsnotstand in Athen - die Schuldenkrise schickt die Börsen auf Achterbahnfahrt und zerrt an den Nerven der Anleger. Als Folge drohen teure Fehler beim Aktienkauf. Ein paar einfache Regeln helfen, diese zu vermeiden.

Hamburg - Selten ging das Geschehen an der Börse den Anlegern wohl so an die Nerven wie in diesen Tagen. Ein Blick auf die Zahlen macht die Dramatik deutlich: Kurz vor Bekanntwerden der Ergebnisse des Brüsseler Euro-Schuldengipfels in der vergangenen Woche notierte der Dax Börsen-Chart zeigen noch bei 5950 Punkten. Dann beförderten ihn die Euro-Retter mit ihrer Einigung über ein neues Rettungspaket hoch auf 6430 Punkte. Am vergangenen Dienstag dann, dem Tag, an dem die Anleger den Papandreou-Schock von der geplanten Volksabstimmung verkraften mussten, tauchte der Leitindex wieder tief in den roten Bereich und schloss bei 5834 Punkten.

Einmal Himmel und zurück: Ein Plus von 8 Prozent, gefolgt von einem Minus von mehr als 9 Prozent - und das innerhalb von weniger als sieben Tagen. Das dürfte am deutschen Aktienmarkt beispiellos sein.

Damit aber nicht genug. Am Donnerstag ließen die Regierungskrise in Athen und die Absage des Referendums die Kurse bereits wieder kräftig steigen, der Dax schwankte innerhalb eines Tages um rund 5 Prozent. Das drohende Aufbröseln der Euro-Zone wurde abgesagt, zumindest aber erneut verschoben.

Wer wäre da nicht genervt? Genervt von der Schuldenkrise, genervt von Griechenland und der täglich wechselnden Nachrichtenlage, und ganz besonders genervt von dessen (Noch-)Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou.

Zocker und Spekulanten freuen sich

Abgesehen davon macht das Hin und Her vor allem eins deutlich: Am Aktienmarkt regieren weiterhin die Unsicherheit, die zittrigen Hände und das schnelle Geld . Wechselnde Meldungen, Gerüchte und Spekulationen zur Griechenland- und Euro-Schuldenkrise sorgen für heftig schwankende Kurse. Fundamentaldaten dagegen interessieren kaum jemanden, längerfristige Prognosen sind nahezu unmöglich.

Es gibt Investoren an der Börse, die freuen sich über solche Unsicherheiten. Das sind die Zocker und Spekulanten, die in dieser Situation durch geschickte Wetten und mit Glück viel schnelles Geld verdienen können.

Die Sache hat allerdings auch einen Haken: Größere Verluste sind ebenso drin. Weniger abgebrühte Investoren mit Interesse an solider Vermögensanlage - sprich: wohl die meisten Privatanleger - sollten daher zurückhaltender agieren. Für sie ist es Fachleuten zufolge gerade in dieser kniffligen Zeit ratsam, sich auf die Grundsätze einer vernünftigen Geldanlage zu besinnen, also zum Beispiel die langfristigen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und auf niedrige Kosten zu achten.

An der Börse sollten Privatleute Experten zufolge gegenwärtig besonders vier Punkte beachten:

  • Werden Sie nicht zum Freizeitzocker: Anleger sollten der Versuchung widerstehen, während der Achterbahnfahrt der Kurse den schnellen Euro machen zu wollen. Die Erfahrung zeigt, wer sich als Spekulant im Nebenjob versucht und laufend Kauf- und Verkaufsorders absetzt, läuft dem Geschehen in der Regel hinterher und streicht neben hohen Gebühren vor allem eins ein: Verluste. Es ist unmöglich, einen so stark schwankenden Markt wie derzeit korrekt zu "timen", sprich stets auf der richtigen Seite zu sein.
  • Gefährden Sie nicht ihr Hab und Gut: Anleger sollten derzeit ausschließlich Geld an der Börse einsetzen, auf das sie tatsächlich verzichten können. Die Verlustrisiken im Aktiengeschäft sind momentan größer als in ruhigen Zeiten. Diesen Risiken sollte nur der Teil des Vermögens ausgesetzt werden, der für den Investoren keine existenzielle Bedeutung hat.
  • Halten Sie die Risiken unter Kontrolle: Ratsam ist es, bei jedem Aktieninvestment den möglichen Verlust von vornherein zu begrenzen. Möglich ist dies beispielsweise durch das Setzen von Stopp-Loss-Marken: Wird der gewählte Kurs unterschritten, stößt der Broker die Aktie ab, ohne dass der Anleger ihn nochmals gesondert dazu auffordern muss. Dass die Schwankungsbreiten der Kurse derzeit größer sind als zu ruhigen Zeiten, sollte allerdings berücksichtigt werden. Also: Anleger, deren Schmerzgrenze sonst bei einem Minus von beispielsweise 15 Prozent liegt, müssen zurzeit realistischerweise vielleicht 20 Prozent tollerieren.
  • Sichern Sie gelegentlich Ihre Gewinne: Das Wort von den Gewinnmitnahmen findet sich häufig in Börsenberichten. Und daran ist nichts Verwerfliches. Zwar führt hektisches Hin und Her meist zu Verlusten. Hat jedoch eine Aktie eine ordentliche Rendite gebracht, dann sollten Anleger nicht zögern, diese auch zu kassieren.

Fachleute wie etwa Karlheinz Kron, Vorstand der Partners Vermögensmanagement AG in München, glauben, dass Privatleute, die diese Ratschläge befolgen, an der Börse zurzeit besser fahren.

"Ich würde alle Punkte unterschreiben", sagt auch Eberhard Weinberger, Vorstand beim Vermögensverwalter DJE Kapital AG. Auch er beobachtet die höheren Verlustgefahren am Aktienmarkt aufgrund der stark gestiegenen Volatilität.

Laut Weinberger hat das aber auch einen Vorteil: Die Anleger können unmittelbar sehen, wie unsicher das Geschäft an der Börse zurzeit ist. "Die Aktienmärkte sind oft die einzigen, die noch dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage unterliegen", sagt er. "Entsprechend groß war die Volatilität in den letzten Monaten."

Andere Märkte wie die Bondmärkte dagegen werden nach Angaben des Experten durch massive Interventionen in ihrem Preismuster geglättet, obwohl die Unwägbarkeiten zum Teil beträchtlich höher sind. "Hinter geringeren Schwankungen verbergen sich in dem Fall also sogar höhere Risiken", sagt Weinberger.

Er kommt daher zu dem Fazit: "Manche ausgesuchten Aktienwerte weisen heute trotz starker Schwankungen ein interessantes Chancen-Risiko-Verhältnis auf." Als Beispiel nennt der Experte mittelgroße Werte ("Midcaps") asiatischer Schwellenländer, die zum Teil über einstellige Kurs-Gewinn-Verhältnisse sowie Dividendenrenditen im zweistelligen Bereich verfügen.

Anlagechancen gibt es an der Börse also nach wie vor. Anleger brauchen beim Investment nur einen kühlen Kopf - und gute Nerven.

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