Mittwoch, 19. Dezember 2018

Atompolitik Merkel löst Strompreisrally aus

Preisrally in Leipzig: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Sommer 2010 die Energiebörse EEX besuchte, ahnte sie noch nicht, dass sie gut ein halbes Jahr später unter dem Eindruck der Atomkrise in Japan deutsche AKW vom Netz nehmen würde

2. Teil: Kehrtwende in der Atompolitik wird die Unternehmen belasten

Angesichts der Tatsache, dass mit dem Laufzeit-Moratorium für die älteren Kernkraftwerke im zweiten Quartal rund 7000 Megawattstunden aus dem Strommarkt genommen werden, dürften die Kapazitäten der teurer produzierenden Kohle- und Gaskraftwerke verstärkt nachgefragt werden. Kohle- und Gaskraftwerke müssen aber kostspielige Zertifikate für ihren Ausstoß des Klimakillers CO2 kaufen, was ihre Produktionskosten und somit den Strompreis zusätzlich klettern lässt.

Thyen schätzt, dass durch die dreimonatige Stilllegung der AKW zusätzliche Verschmutzungsrechte für rund zehn Millionen Tonnen CO2 erforderlich sind, um die Kapazitäten der Kernkraftwerke durch Kohle- und Gaskraftwerke abzufangen. In der Konsequenz steigen die Preise für die Verschmutzungsrechte in die Höhe. Die CO2-Preise erreichten am Dienstag den höchsten Stand seit zwei Jahren.

Und noch ein Umstand treibt die Preise an der Strombörse: Da die KKW-Betreiber ihre Strommengen in der Regel bis zu drei Jahre im Voraus am Terminmarkt verkaufen, wird der Großhandelsmarktpreis durch Ersatzbeschaffungen zusätzlich verteuert. "Obwohl die KKW-Kapazitäten wegfallen, bleiben die Lieferverpflichtungen bestehen. Die KKW-Betreiber müssen dann den Strom am Großhandelsmarkt zu gestiegenen Preisen zurückkaufen", sagt Experte Federico.

Unternehmen sitzen jetzt in der Klemme

Ob es sich bei den Preissteigerungen an der Energiebörse Leipzig nur um einen kurzfristigen Effekt handelt oder die Preise nachhaltig anziehen, sei nur schwer einzuschätzen, sagen die Experten. Dies dürfte vor allem davon abhängen, ob die sieben KKW nach Ablauf der drei Monate abgeschaltet bleiben oder nicht.

Letzteres, also ein Wiederhochfahren alter Kernkraftwerke, halten politische Beobachter im derzeitigen Umfeld kaum für durchsetzbar.

Die erneute Kehrtwende der schwarz-gelben Koalition in der Atompolitik dürfte die Energiekosten für Deutschlands Unternehmen also nach oben schrauben. Damit stellt sich für viele Firmen die Frage, ob sie ihren künftigen Strombedarf schon jetzt zu wahrscheinlich noch niedrigeren Preisen einkaufen sollten. Einen pauschalen Rat geben die Experten hier nicht. "Das hängt von der Risikostragie des einzelnen Unternehmens ab", sagt Thyen. Firmen, die es sich bei der Strombeschaffung leisten könnten, auf niedrigere Preise zu spekulieren, würden vermutlich noch abwarten, andere sollten es dagegen nicht.

Große Industrieunternehmen dürften ihren Strombedarf für das laufende Jahr ohnehin bereits gedeckt haben, sagt Schlemmermeier im Gespräch mit manager magazin. Seien dagegen einzelne große Positionen für 2011 noch nicht geschlossen, also ein Teil des Energiebedarfs nicht gedeckt, sollten die Firmen jetzt möglichst zeitnah Strom kaufen. Bei Terminkontrakten für 2012 oder gar 2013 sollten die Unternehmen aber vorsichtig zu Werke gehen, denn je weiter entfernt ein Bezugszeitraum liegt, desto stärker steigt das damit verbundene Risiko.

Letztlich, erklärt Thyen, glichen weit in die Zukunft ragende Prognosen für den Strompreis immer einem Blick in die Glaskugel. Wie stark schließlich Unternehmen und Konjunktur unter höheren Strompreisen leiden werden, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Das sei derzeit nicht zu beurteilen, hält sich auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft vorsichtig zurück.

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