Freitag, 14. Dezember 2018

Mittelstandsblase Börsen schüren Gier nach deutschen Hochzinsbonds

Keine Bescheidenheit: Großes Anlegerinteresse an hochverzinsten und entsprechend riskanten Anleihen

Innerhalb weniger Monate haben gleich fünf Regionalbörsen neue Handelsplätze für Mittelstandsanleihen eingerichtet. Mit Kupons von bis zu 9 Prozent locken sie Zinsjäger. Jetzt schüren die Börsenstrategen den Hype um den neuen Markt auch noch selbst - mit immer niedrigeren Börsenstandards.

Hamburg - Die Stuttgarter Börse hat es vorgemacht: Seit Mai 2010 bietet die Regionalbörse ein eigenes Handelssegment für Anleihen mittelständischer Unternehmen. Das ist neu am deutschen Bonds-Markt, der traditionell von großen, börsennotierten Unternehmen bestritten wird.

Elf Mittelständler haben sich seither in Stuttgart Kapital besorgt. Unter den Emittenten sind bekannte Namen wie Air Berlin Börsen-Chart zeigen, die traditionsreichen Maschinenbauer Dürr Börsen-Chart zeigen und Sic Processing, außerdem Unternehmen aus der wachsenden Solar- und Windenergiebranche. Anleger reißen sich geradezu um die Schuldverschreibungen der Mittelständler: Teils waren die Anleihen innerhalb weniger Tage vergriffen.

Insgesamt liefen über das Stuttgarter Handelssystem bereits mehr als 900 Millionen Euro in die Unternehmenskassen. Die Stuttgarter Börsenstrategen freut's: Sie verkündeten zum Jahreswechsel, dass sie im Handel mit Unternehmensanleihen nun Marktführer in Deutschland seien. Bis Ende 2011 wollen sie rund 20 weitere Anleihen im "Bondm"-Segment listen. So viel Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan.

Wenige Monate nach den Stuttgartern hatte auch die Regionalbörse München mit Maccess Bonds eine eigene Handelsplattform für Mittelstandsanleihen geschaffen. Zum Jahresanfang folgten die Börse Hamburg-Hannover mit der "Mittelstandsbörse Deutschland" sowie die Frankfurter Börse, die im Februar kurzerhand ihren für Aktien bereits etablierten "Entry Standard" auf Anleihen ausdehnte. Auch die Düsseldorfer Börse startete bereits einen eigenen Marktplatz.

Mittelständler, die Anleihen am Kapitalmarkt platzieren wollen, haben nun die Qual der Wahl. Die Börsen versprechen sich viel von dem neuen Handelssegment. Denn die Nachfrage ist groß, sowohl bei potentiellen Emittenten als auch bei Anlegern. Johannes Führ, auf Anleihen spezialisierter Vermögensverwalter, prophezeit dem jungen Markt deshalb in den kommenden Jahren einen regelrechten Boom. "Die Unternehmen wollen jetzt im Aufschwung investieren und brauchen Kapital", sagt Führ. "Wegen der Verschärfung der Kreditvergabe-Richtlinien suchen sie nach Alternativen zum klassischen Bankkredit."

Zinskupons zwischen 6,5 und 9,25 Prozent

Gleichzeitig sind Privatanleger angesichts des niedrigen Zinsniveaus auf der Suche nach renditeträchtigen Anlageformen. "Anleger wollen wieder hohe Renditen, aber sie wollen auch Anlagen, die sie verstehen", sagt Führ. Von abstrakten, komplexen Finanzprodukten hätten viele seit der Finanzkrise nämlich die Nase voll. Da kommt eine neue Investitionsmöglichkeit in mittelständische Unternehmen gerade zum rechten Zeitpunkt, deren Name oftmals ein Begriff ist und deren Geschäftsmodelle überschaubar scheinen - zumal die Mittelständler an der Börse mit Zinskupons zwischen 6,5 und 9,25 Prozent locken und Anleihen schon in Stückelungen ab 1000 Euro zu haben sind.

Erklärte Zielgruppen der Mittelstands-Börsen sind Privatanleger, Family Offices und kleinere institutionelle Anleger. Damit unterscheidet sich der neue Anleihe-Markt vom klassischen Corporate-Bond-Handel, den große Unternehmen und institutionelle Anleger dominieren, und in dem die Mindestanlagesummen deutlich höher liegen.

Vieles spricht dafür, dass sich der noch junge Markt in den kommenden Jahren etabliert. Experten sehen das mit gemischten Gefühlen: Möglicherweise ist die momentane Erfolgsstory der Mittelstandsanleihen zu schön, um wahr zu sein. Vor allem die Ausrichtung auf Privatanleger stößt auf Kritik: "Im jetzigen Stadium haben private Kleinanleger auf diesem Markt nichts zu suchen", sagt Christian Niederle, Partner der Finanzierungsberatung Network Corporate Finance. Den hohen Zinskupons stehe nämlich ein entsprechend hohes Risiko gegenüber. Privatanleger könnten die Ausfallrisiken einzelner Emittenten aber kaum einschätzen, warnt Niederle. "Wie sich dieser Markt weiter entwickelt, wird deshalb auch davon abhängen, welche Qualitätsstandards die Börsen für Emittenten vorgeben", sagt der Finanzierungsexperte. Genau daran hapert es.

Statt mit einem Rating der internationalen Agenturen S&P, Moody's oder Fitch warten die mittelständischen Emittenten bisher, wenn überhaupt, mit Bewertungen kleiner Agenturen wie Creditreform oder Euler-Hermes auf. Inwieweit diese mit einem Investmentgrade-Rating der großen Konkurrenten vergleichbar sind, ist für Privatanleger kaum zu beurteilen. Bei anderen Emittenten, darunter Air Berlin und Dürr AG, müssen Anleger ganz ohne Anleihe-Rating auskommen.

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