Freitag, 22. September 2017

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Deutsche Börse/NYSE Euronext Der Ausverkäufer

Deutscher Frühstücksdirektor: Deutsche-Börse-Chef Francioni kann NYSE-Vorsteher Duncan Niederauer, einem Ex-Goldman-Sachs-Partner, auf Dauer nicht Paroli bieten. Die Deutsche Börse dürfte bald nur noch ein Anhängsel des New Yorker Finanzplatzes sein.

Zum zweiten Mal versucht der Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, den Kern des deutschen Finanzsystems an die Amerikaner zu verkaufen. Die angebliche Fusion unter Gleichen wird allerdings wie bei der Euronext in einer Dominanz der New Yorker enden. Deshalb sollte die Politik eingreifen.

Es ist völlig klar wie Reto Francioni den Deal verkaufen wird, der Mittwochabend kurz vor Börsenschluss durchsickerte. Der Chef der Deutschen Börse wird den Zusammenschluss seines Unternehmens mit der New York Stock Exchange als Übernahme des großen amerikanischen Konkurrenten feiern. Er wird seinen Aktionären und den Politikern in Wiesbaden und Berlin vorschwärmen, dass die Fusion die Deutsche Börse zum weltweit größten Aktien- und Derivatemarkt emporheben wird. Er wird mit anderen Worten die Heldenrolle in einem Finanzmarktepos beanspruchen, in dem ihm in Wahrheit der Part des Verlierers gebührt.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre macht sich der Schweizer daran, den Kern des deutschen Finanzsystems an die Amerikaner zu verkaufen. Die Konditionen sind dieses Mal etwas besser als beim ersten Versuch. Im Ergebnis ist der Handel aber nichts anderes als ein Ausverkauf - und noch dazu einer, der von den Investmentbankern der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen mit in die Wege geleitet wird, die den Chef der Deutschen Börse Börsen-Chart zeigen beraten.

Schon der Kursverlauf beider Aktien nach der Bekanntgabe des Deals zeigt, wen die Märkte als Gewinner sehen: Während die Aktie der Deutschen Börse lediglich um 2 Prozent stieg und auch im nachbörslichen Handel nur moderat weiter anzog, legte das Papier der NYSE Börsen-Chart zeigen um mehr als 15 Prozent zu.

Nur durch Francionis Konzeptlosigkeit konnte es so weit kommen

Dass Francioni sich überhaupt auf den Handel einlässt, ist der Konzeptlosigkeit geschuldet, die er seit seinem Amtsantritt im November 2005 an den Tag gelegt hat. Der Konzern lebt immer noch von der Struktur, dem Geschäftsmodell und der Ausrichtung, die Francionis Vorgänger Werner G. Seifert für den Börsengang im Februar 2001 entwarf.

Der einzige Ausbruch, der von Francioni massiv vorangetriebene Kauf der US-Optionsbörse ISE, endete im Desaster. Die Plattform verliert seit geraumer Zeit Umsatz und Marktanteile. Mehr als 800 Millionen Euro mussten bislang auf den Kaufpreis abgeschrieben werden. Und auf die zurückgehenden Umsätze im Aktien- und Derivatehandel fiel ihm nicht mehr ein, als ein Kostensenkungsprogramm auf das andere folgen zu lassen.

Mit dem Sprung in die Arme des New Yorker Konkurrenten soll auch die Zeit der strategischen Schockstarre vorbei sein.

Der Ausgang dürfte allerdings ganz anders ausfallen, als sich der Börsenchef das so gedacht haben dürfte. Schon die wenigen Details, die bislang bekannt sind, lassen Schlimmes befürchten.

Die Amerikaner werden schließlich dominieren

Francioni hat sich mit Duncan Niederauer, seinem New Yorker Counterpart, auf ein Grundgerüst geeinigt, das dem ähnelt, das Niederauers Vorgänger John Thain 2007 mit dem Chef der Pariser Börse Euronext Jean Francois Théodor ausgehandelt hat.

Der Börsenchef soll wie damals Théodore als Verwaltungsratspräsident die strategischen Linien ziehen, während Niederauer als CEO das Tagesgeschäft in der Hand hat. Und wie damals soll es auch dieses Mal zwei Zentralen geben, eine in Frankfurt und eine in New York. Ein theoretisch fein austariertes Machtgleichgewicht, das in der Praxis allerdings schnell auf die Seite der Amerikaner umschlug. Paris spielte als Zentrale von Anfang keine Rolle, Théodore war nie mehr als ein Frühstücksdirektor. Die ursprünglich vereinbarte Fusion unter Gleichen endete zielsicher in amerikanischer Dominanz.

Sollte der Deal zwischen NYSE und Deutscher Börse tatsächlich zustande kommen, wird es dem Frankfurter Konzern am Ende nicht viel anders ergehen. Dass Francionis Aktionäre rund 60 Prozent der Anteile am fusionierten Unternehmen halten werden, ist dabei ohne Bedeutung. Die Börse gehört überwiegend angloamerikanischen Aktien- und Hedgefonds, denen die Interessen des Finanzplatzes Deutschland ziemlich gleichgültig sind.

Und Francioni selbst hat bei Weitem nicht die Statur, um einem smarten und hartgesottenen Wall-Street-Banker wie Ex-Goldman-Sachs-Partner Niederauer auf Dauer Paroli zu bieten. In ein paar Jahren wird die Deutsche Börse deshalb nicht mehr als ein Anhängsel des New Yorker Finanzplatzes sein, so wie es Paris bereits heute ist.

Hessische Landesregierung sollte Veto einlegen

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es sich um ein ganz normales Unternehmen handeln würde. Die Übernahmen deutscher Traditionsadressen wie Mannesmann (heute Vodafone Börsen-Chart zeigen) oder Hoechst (heute Aventis) haben hierzulande weder Standorte noch Arbeitsplätze verschwinden lassen.

Aber eine Börse ist eben kein normales Unternehmen. Sie ist ein Stück nationaler Infrastruktur. Ein leistungsfähiger und liquider Finanzplatz sichert der deutschen Industrie den dauerhaften und reibungslosen Zugang zum Kapitalmarkt. Es ist ähnlich wie bei den Banken. Kein deutscher Konzernchef will sich in die Abhängigkeit eines Finanzkonzerns begeben, dessen Kreditentscheidungen in New York oder London fallen. Genauso wenig will er auf die direkte Ansprache der heimischen Investoren verzichten oder sich den Regeln der US-Kapitalmärkte unterwerfen.

Anders als im Fall Mannesmann oder bei der Übernahme des Baukonzerns Hochtief hat die deutsche Politik im Fall der Deutschen Börse deshalb sehr wohl ein Mitspracherecht. Der Hebel zielt auf den Kern des Unternehmens Deutsche Börse: Den Aktienhandel. Francioni und sein Konzern betreiben dieses Geschäft mit einer unverkäuflichen Lizenz der hessischen Landesregierung - und die kann gegen einen Verkauf des Aktienhandels ihr Veto einlegen. Es ist eine Option, auf die sie nicht wegen einer falsch verstandenen Marktliberalität verzichten sollte. Es geht hier schließlich um mehr als nur um Shareholder-Value.

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