Hamburg - Die Euro-Schuldenkrise, da sind sich die Investmentprofis weitgehend einig, wird auch 2012 das beherrschende Thema an der Börse sein. Zudem, so die Prognosen, wird die Entwicklung in den USA die Kurse beeinflussen. Auch dort steht die hohe Staatsverschuldung weiterhin im Fokus. Ebenso findet 2012 die Präsidentschaftswahl statt. Schließlich sollten Anleger die Konjunktur in Fernost im Auge behalten, so die Fachleute. Schon im auslaufenden Jahr bereitete die Inflation dort größte Schwierigkeiten.
Das sind die wichtigsten Aussagen der Marktausblicke von Banken und Investmentgesellschaften für das kommende Jahr. Einige Zahlen, die den Tenor der Fachwelt widerspiegeln, finden sich zum Beispiel im Ausblick der VP Bank: Für die Euro-Zone seien in der ersten Hälfte 2012 negative Wachstumsraten zu erwarten. Unter den stärksten Nationen dürfte sich weiterhin Deutschland befinden, dem die Ökonomen aus Liechtenstein ein Wachstum von einem Prozent für das Gesamtjahr prognostizieren, gleichauf beispielsweise mit der Schweiz. Das zu erwartende Wachstum der USA im kommenden Jahr beziffern die Fachleute auf etwa 1,5 Prozent, für China erwarten sie eine "weiche Landung" mit einer Wachstumsrate im hohen einstelligen Bereich.
Folgendes Szenario können sich viele Marktteilnehmer für das kommende Jahr am ehesten vorstellen: Die Euro-Politiker werden weiter an einer Lösung der Schuldenkrise arbeiten, und zwar letztlich mit Erfolg. Diese Anstrengungen dürften sich noch recht weit ins kommende Jahr hineinziehen, weshalb in den nächsten Monaten weiterhin mit hoher Volatilität an den Aktienmärkten zu rechnen ist. In der zweiten Hälfte 2012, so erwarten einige Investmentprofis, könnte sich die Stimmung allmählich aufhellen.
Schon im Laufe dieses Jahres haben die Sorgen der Anleger angesichts der politischen Unsicherheiten über weite Strecken den Blick auf die nackten Tatsachen - sprich: die Fundamentaldaten - vernebelt. Daran dürfte sich auch 2012 zunächst nicht viel ändern, glauben Experten. Die Folge: Viele Konzerne sind gestärkt aus der vergangenen Wirtschaftskrise hervorgegangen, stehen in guter Verfassung da - und werden an der Börse gemessen beispielsweise an realistischen Gewinnerwartungen weit unter Wert gehandelt.
Anleger verlangen ein hohe Risikoprämie
"Niedrig bewertete Aktien bieten Aufwärtspotenzial, sobald nicht mehr Marktstimmungen im Vordergrund stehen, sondern wieder die Fundamentaldaten der Unternehmen", bestätigt Michael Albrechtslund, Managing Director bei Sparinvest Asset Management. "Dieser Zustand wird früher oder später unausweichlich eintreten."
"Seit drei Jahren erwirtschaften die Unternehmen gute Gewinne, aber die Bewertungskennziffern gehen trotzdem zurück", meint auch Frédéric Buzaré, Aktienstratege bei Dexia Asset Management. Nach seiner Beobachtung liegt es an der Risikoprämie, die Anleger für ihre Investments verlangen. Diese sei in den vergangenen Monaten vor dem Hintergrund der Euro-Schuldenkrise kontinuierlich gestiegen, so Buzaré. "Seit achtzehn Monaten steigen die Risikoprämien", sagt er. "Heute sind sie so hoch wie nie zuvor - die Risikoaversion der Anleger ist extrem. Das Desinteresse an Aktien hat zum Jahresende 2011 noch einmal zugenommen."
Doch Buzaré ist optimistisch: Letztlich sollten die Maßnahmen zur Stabilisierung der Staatsfinanzen zu niedrigeren Risikoprämien führen, glaubt er - und damit wieder zu höheren Aktienkursen. "Die Märkte sind heute eindeutig unterbewertet", so der Fachmann.
Ähnlich sieht es Kurt Kotzegger, Chief Investment Officer Aktien & Asset Allocation bei Raiffeisen Capital Management in Wien. Zwar seien die aktuellen Gewinnerwartungen vieler Unternehmen überzogen, so Kotzegger. Die attraktiven Bewertungen gepaart mit den anhaltend niedrigen Zinsen und einem Mangel an Anlagealternativen seien jedoch ein Argument für "Risky Assets", wie der Experte sagt.
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