Montag, 15. Oktober 2018

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Trumps Zollstreit ist mehr Bellen als Beißen

Trump-Masken: Auf die vorläufige Einigung mit der EU könnte bald auch eine Annäherung mit China folgen. Trump braucht vor den Midterm-Elections im November Erfolge

Mit dem Treffen zwischen Jean-Claude Juncker und Donald Trump Ende Juli und der daraufhin verkündeten, vorläufigen Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und Europa scheinen sich zum ersten Mal seit Beginn der Differenzen entspannende Töne in dem das Jahr 2018 dominierenden Thema durchzusetzen. Gemeinsam wolle man an einer zoll- und zugangsfreien Marktlandschaft arbeiten und im Gegenzug für den Verzicht auf neue Zölle von amerikanischer Seite importiere die EU nun mehr Sojabohnen und Flüssiggas, so die "Lösung".

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Ob damit der endgültige Durchbruch zumindest in diesem lokalen Bestandteil des globalen Handelskonflikts erreicht und die Übereinkunft von Dauer ist, bleibt abzuwarten. Unabhängig davon sind wir jedoch der Meinung, dass aus verschiedenen Gründen die am Markt kursierenden Ängste bezüglich der Folgen des schwelenden Konflikts deutlich überzogen sind und die Chance für eine positive Überraschung bieten. Addiert man nämlich alle bereits implementierten und angekündigten, potentiellen Maßnahmen der beteiligten Akteure und setzt sie in das Verhältnis zur globalen Wirtschaftsleistung, so sind die Auswirkungen selbst im Falle eines Totalzusammenbruchs, welcher in der Realität völlig unrealistisch ist, viel zu gering, um das laufende Wirtschaftswachstum oder den globalen Bullenmarkt abzuwürgen. Somit sehen wir in der bisherigen Marktentwicklung 2018 eine Korrektur und keinen Trendwechsel hin zu einem Bärenmarkt.

Chart der Woche | KW 32 | Ablauf einer klassischen Korrektur
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Doch wie eigentlich ist das Verhältnis zwischen Zöllen und Wirtschaftsleistung? Addiert man die kursierenden, potentiellen Zölle zum Stand des 31. Juli, so ergibt sich ein maximal betroffener Warenwert von 642,6 Milliarden US-Dollar. Dieser Wert setzt sich zusammen aus Maßnahmen zwischen den USA und China, Europa, Kanada und Mexiko, sowie weiterer von den Zöllen auf Aluminium und Stahl betroffener Nationen. Auf diese Summe wurde bislang eine Zollbelastung zwischen 10 und 25 Prozent angekündigt, was wiederum zu maximalen Strafzahlungen in Höhe von 106,5 Milliarden US-Dollar führt. Dies entspricht einem Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt von 0,122 Prozent. Selbst extrem konservative Schätzungen gehen von einem Vielfachen dieses Anteils als Wirtschaftswachstum für das Jahr 2018 aus, sodass ein Schaden von mehreren Billionen US-Dollar notwendig wäre, um die globale Wirtschaft abzuwürgen.

Aber auch abseits der bloßen Zahlen merkt man bei genauerem Hinsehen schnell, dass die Diskussionen überzogen und vor allem emotionaler Natur sind. Schließlich sind Zölle immer bilaterale Maßnahmen. Wie gut solche Strafen wirken, sieht man beispielhaft sehr gut an den seit Jahren bestehenden Sanktionen gegen Nordkorea. Amerikanischen Farmern und 20 weiteren Nationen ist es verboten, ihre Produkte nach Nordkorea zu verkaufen. Jedoch können sie dieselben Waren in 175 andere Länder exportieren und die dort ansässigen Zwischenhändler haben keinerlei Restriktionen bezüglich Nordkorea.

Ähnliches geschieht bei Zöllen, die bilateral auf der ganzen Welt auch heute schon existieren. Unternehmen nehmen diese nicht einfach so hin, sondern gestalten einfach den unter den gegebenen Bedingungen bestmöglichen Lieferweg, welcher dann teilweise irrwitzige Züge annehmen kann. Wer verbietet beispielsweise Daimler, Volkswagen und Co., ihre Autos für den chinesischen Markt einfach in Mexiko statt in den USA zusammenzuschrauben, um ein prominentes Beispiel zu nennen. Durch eine Produktionsverlagerung entsteht eine Einmalbelastung, dauerhafte Zollbelastungen jedoch werden hierdurch umgangen.

Auch auf der Produktebene werden Unternehmen und Verbraucher alles dafür tun, dass Zölle nicht zu einer sinkenden Konsum- und Wirtschaftsleistung führen. Wer hierbei welche Reaktion zeigt, hängt vor allem von der Substituierbarkeit der Ware ab. Ist ein Produkt ohne große Qualitätsverluste leicht zu ersetzen und die Lieferkette nicht veränderbar, so wird der Produzent den Preis nicht erhöhen, sondern die Zollbelastung in großen Teilen selbst tragen. Auf der anderen Seite werden nicht substituierbare Güter einfach teurer - der Verbraucher trägt die Zusatzbelastung. Beide Wege führen jedoch zu einem ähnlich hohen Konsum wie zuvor.

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Letztendlich bleibt festzuhalten, dass Trump die Diskussionen um Zölle und unfaire Handelspraktiken vor allem als Verhandlungstaktik einsetzt. Sein teilweise verwirrend anmutender Diskussionsstil hat System und ist in seinem Buch "The Art of the Deal" nachzulesen. Ziel sei es, dadurch eine bessere Verhandlungsposition und Zugeständnisse des Gegenübers zu erreichen. Im Grunde genommen dient dies wohl einzig und allein der Position Donald Trumps sowohl bei den im November dieses Jahres anstehenden Zwischenwahlen, als auch bei der Mission Wiederwahl in zwei Jahren.

Fazit

Zölle und Handelskriege sind ein hochemotionales Thema, vor allem durch die ständige Unberechenbarkeit insbesondere Donald Trumps. Wichtig ist jedoch, die Zusammenhänge in das Bild kluger Manager und Verbraucher, einer wachsenden Weltwirtschaft und die Motivation und Bedürfnisse der beteiligten Politiker und Nationen richtig einzuordnen. Im Endeffekt hilft auch die Antwort, dass selbst im "Worst Case", der Implementierung aller angekündigten Strafmaßnahmen die Auswirkungen nicht das Ausmaß haben, wie befürchtet. Und letztendlich ist auch ein mögliches Verhandlungsergebnis des ganzen Prozesses, dass es weniger Zölle als zu Beginn geben könnte. Nicht nur mit Auflösung der Ängste gilt: Positives Überraschungspotential voraus!

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