Sonntag, 16. Dezember 2018

Geldpolitik lässt Börsen wanken Höhere Zinsen - das neue Risiko aus Washington

Die Federal Reserve erhöht die Zinsen und normalisiert die Geldpolitik. Dies birgt neue Risiken für Europa und die hoch verschuldeten Schwellenländer

Normalerweise ist es US-Präsident Donald Trump, der von Amerika aus wirtschaftliche Schockwellen um den Globus schickt. Dies sorgt gerade bei der exportorientierten deutschen Volkswirtschaft immer wieder für Sorgenfalten auf der Stirn. Nun gibt es allerdings ein viel größeres Problem, das leider viel zu wenig wahrgenommen wird: Die US-Notenbank Federal Reserve normalisiert ihre Geldpolitik. Mit der aktuell erfolgten Erhöhung um weitere 25 Basispunkte liegt der Leitzins in den USA nun bei einer Spanne von 2 bis 2,25 Prozent pro Jahr, während die Europäische Zentralbank an ihrer Null-Zins-Politik festhält. Die US-Geldpolitik erarbeitet sich wieder Handlungsspielräume, die Europäische Zentralbank EZB verharrt dagegen im Krisenmodus.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Geschäftsführer der DVAM Vermögensverwaltung GmbH. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der individuellen Vermögensverwaltung und dem strategischen Finanzmanagement auf überwiegend langfristiger, makroökonomischer Basis. Aktuell hat Markus Schön ein Buch über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps "Twittern zur Planwirtschaft" geschrieben.

Warum? Weil sie die Refinanzierung insbesondere der südeuropäischen Staaten möglichst günstig gestalten und für eine möglichst stabile konjunkturelle Entwicklung sorgen will. Schließlich spielen die Zinskosten bei Investitions- oder Konsumfinanzierungen kaum eine Rolle. Die Zinslast für einen Kredit von 1 Million Euro liegt oft bei weniger als 1000 Euro monatlich. Dies hat natürlich zu vielen Fehlallokationen geführt, weil der Wert des Geldes immer beliebiger zu sein scheint, hat aber auch die konjunkturelle Erholung gerade in Südeuropa erst ermöglicht.

Gefahr nicht nur für Schwellenländer

Das ohnehin wackelige Konstrukt gerät nun immer stärker ins Wanken; nicht nur aufgrund der politischen Situation in den jeweiligen Ländern, sondern gerade aufgrund der Niedrigzinspolitik. Bei Zinsen, die selbst im US-Geldmarkt inzwischen deutlich über 2,5 Prozent liegen, fließt immer mehr Geld in den amerikanischen Währungsraum. Zuerst traf es die Schwellenländer, die sich vielfach auch in US-Dollar verschuldet hatten. Diese litten unter einer durch die Zinserhöhung stärker werdenden US-Währung und einer sinkenden Differenz zwischen eigenen Markt- und amerikanischen Zinsen.

Das befeuert die Krise in diesen Staaten zusätzlich, die ohnehin noch lange nicht ausgestanden ist, weil dort die Verschuldung schlicht zu hoch ist.

Das bedeutet aber nicht, dass das Zinsdifferenzproblem in anderen Regionen nicht auftritt.

Vielmehr ist diese Entwicklung selbst bei erstklassigen deutschen Unternehmensanleihen zu erkennen. Diese reagieren auf Zinsänderungen bei Bundesanleihen weit weniger stark als in der Vergangenheit. Ursache hierfür ist der Vergleich gerade international tätiger Anleger zwischen Zinspapieren vergleichbarer Unternehmen aus Europa und den USA. Wenn man bei einem Konzern aus dem US-Leitindex Dow Jones für eine Unternehmensanleihe um 2,0 Prozentpunkte höhere Zinsen als bei einem Dax-Unternehmen bekommt, verliert selbst das Währungsrisiko seinen Schrecken. Auf Endfälligkeit einer beispielsweise zehn Jahre laufenden Anleihe könnte der US-Dollar mehr als 25 Prozent seines Wertes verlieren, ohne dass damit ein Nachteil für den Käufer des US-Zinspapieres entstünde. Entsprechend verschiebt sich die Nachfrage in Richtung US-Anleihen. Dies begrenzt dort das Zinssteigerungspotenzial stärker, als es der US-Notenbank mit Blick auf perspektivische Inflationsrisiken Recht sein dürfte. Umgekehrt verteuert es die Finanzierung auch für europäische und deutsche Unternehmen.

Steigende Kreditkosten oder Währungskrieg

Noch ist der Zinsanstieg relativ moderat. Das Problem wird aber auch deutsche Mittelständler und danach Privatpersonen betreffen und selbst vor Immobilienfinanzierungen nicht haltmachen. Schließlich schauen Kreditinstitute darauf, wo sie wie viel verdienen können. Wenn man - vergleichbare Bonität und Sicherheiten vorausgesetzt - bei einem Konzern eine höhere Verzinsung bekommt als bei einem großen Mittelständler, wird das Kreditangebot für den deutschen Mittelstand knapper und damit eben teurer. Dies wird sich durch die gesamte Kreditkette ziehen, obwohl die EZB eine andere Strategie verfolgt. Es ist aber schwierig, ein Gegengewicht zur US-Notenbank darzustellen, solange man nicht - mindestens als explizites Ziel - eine deutliche Abwertung des Euros anstrebt.

Das Modell der Bevorzugung von US-Anleihen ginge aus Investorensicht nämlich nicht mehr so zuverlässig auf, wenn der US-Dollar mindestens eine Währungsparität mit dem Euro erreichen würde. Dann stiege das Risiko von Währungsverlusten, die die Zinsvorteile deutlich überkompensieren, überproportional an.

Allerdings käme eine solche Politik einem Währungskrieg zwischen Europa und den USA gleich, was neben den bereits vorhandenen Risiken für weitere Abwärtspotenziale bei der Weltkonjunktur sorgen würde.

Da sich das niemand wünschen sollte, gilt es nun für Anleger und Kreditnehmer, die Weichen richtig zu stellen. Für beide sind Timing und Laufzeitmanagement wesentliche Erfolgsfaktoren. Schließlich kann man eine Gefahr, wenn sie einmal identifiziert ist, weit besser bekämpfen, als wenn man vor einem offensichtlichen Risiko die Augen verschließt.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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