Montag, 19. November 2018

Schlüsselzeuge im Wölbern-Prozess "Ich kann auf chinesisch Kaffee bestellen"

Fühlt sich von seinen Ex-Beratern im Stich gelassen: Ex-Wölbern-Chef Schulte in Hamburg vor Gericht

Um diesen wichtigen Zeugen haben die Verteidiger im Untreueprozess gegen Ex-Wölbern-Chef Heinrich Maria Schulte lange gekämpft. Umso enttäuschter dürfte der Angeklagte nach dem heutigen Verhandlungstag sein.

Hamburg - "Deutsch, englisch und spanisch", sagt der Zeuge auf die Frage nach seinen Fremdsprachenkenntnissen. Und: "Ich kann auf chinesisch einen Kaffee bestellen, das war's."

Ja, das war's. Nicht ein Wort mehr war von Ole Brühl, Rechtsanwalt bei der internationalen Kanzlei Bird & Bird, am heutigen Donnerstag im Gerichtssaal des Hamburger Landgerichts zu hören. Brühl war geladen, weil er Fragen im Prozess gegen Heinrich Maria Schulte beantworten sollte. Schulte steht seit Monaten wegen des Vorwurfs der gewerblichen Untreue vor Gericht. 147 Millionen Euro soll er zwischen August 2011 und September 2013 als seinerzeitiger Chef des Fondshauses Wölbern Invest aus geschlossenen Fonds des Unternehmens zweckentfremdet haben, was der gelernte Mediziner bestreitet.

Zeuge Brühl gilt als wichtige Figur im Wölbern-Komplex. Als Anwalt von Bird & Bird stand er Firmenchef Schulte in der fraglichen Zeit beratend zur Seite. Sein Name fiel bereits in vielen Zeugenbefragungen vor Gericht. Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Liquiditätsmanagementsystem, das im Zentrum der Vorwürfe gegen Schulte steht, sowie mit Anleihen, Darlehensverträgen und einem angeblich existierenden Sicherheiten-Pool soll der Jurist verschiedene Schriftstücke - Briefe, Gutachten und ähnliches - verfasst haben.

Vor allem für Schultes Verteidiger war der heutige Auftritt Brühls daher ein wichtiger Termin. Seit Beginn des Prozesses versuchen sie, das Gericht davon zu überzeugen, dass nicht Schulte alleine, sondern auch seine Berater für den umstrittenen Umgang mit den Fondsgeldern verantwortlich seien. Dabei geht es vor allem um die Anwälte von Bird & Bird, namentlich also Ole Brühl sowie den seinerzeit ebenfalls für die Kanzlei in Sachen Wölbern aktive Anwalt Frank Moerchen.

Zeuge verweigert die Aussagen

Doch alle Versuche, die ehemaligen Rechtsberater Schultes zum Reden zu bringen, liefen bislang ins Leere. Ex-Bird & Bird-Mann Moerchen, der bei der Kanzlei inzwischen ausgeschieden ist, hatte bereits vor Wochen vor Gericht die Aussage verweigert, aus Angst, er könne sich selbst belasten.

Gleiches tat am heutigen Verhandlungstag auch Ole Brühl. Weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen möglicher Beihilfe ermittelt, berief der sich auf Paragraf 55 der Strafprozessordnung: das Auskunftsverweigerungsrecht.

Überraschend war das nicht. Brühls Anwalt Nikolai Venn von der Berliner Kanzlei Freyschmidt, Frings, Pananis, Venn hatte das Gericht bereits vor Wochen über die Entscheidung seines Mandanten informiert, lieber nichts zu sagen. Die logische Folge hätte also sein können, dass der Zeuge samt Rechtsbeistand gar nicht erst hätte anreisen müssen, zumal das Ermittlungsverfahren gegen Brühl als Argument für eine Auskunftsverweigerung schwer genug wiegt.

Doch es kam anders: Nach einigem Hin und Her mit Schultes Anwälten entschied im Oktober der seinerzeit vorsitzende Richter Hartmut Loth, der den Vorsitz im Schulte-Prozess ruhestandsbedingt inzwischen an Richter Peter Rühle abgegeben hat, Ole Brühl müsse dennoch erscheinen. Schließlich gebe es bestimmte Fragen zu Brühls "berufstypischen, neutralen Handlungen" als Anwalt, die nicht unter das Auskunftsverweigerungsrecht fielen und möglicherweise beantwortet werden müssten.

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