Dienstag, 23. Mai 2017

Anlageskandal um Wölbern Invest Tatort Grasbrook

100 Kisten à sechs Ordner: Bilder von der Razzia bei Wölbern Invest
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manager magazin online

Die Razzia beim Emissionshaus Wölbern Invest nebst Festnahme des Firmenchefs kam nicht überraschend. Seit fast zwei Jahren erheben Anleger schwere Vorwürfe gegen das Management. Der Zugriff der Ermittler wurde von ihnen lange herbeigesehnt - nun wirft er neue Fragen auf.

Hamburg, Hafencity, Montagmorgen, 9 Uhr. Dutzende Beamte vom Landeskriminalamt, von der Hamburger Bereitschaftspolizei und von der Staatsanwaltschaft stürmen in das Bürohaus am Großen Grasbrook Nr. 9. Das Ziel des Trupps ist das fünfte Stockwerk, wo das Fondsemissionshaus Wölbern Invest residiert. Der Auftrag: Eine Razzia - bis zum Abend werden die Beamten rund 100 Kisten mit Aktenordnern und anderem Material aus den Büros schleppen.

Und damit nicht genug: Auch den privaten Räumlichkeiten von Wölbern-Invest-Chef Heinrich Maria Schulte stattet die Staatsmacht an diesem Vormittag einen Besuch ab. Seit Ende 2012 wird gegen Schulte ermittelt. Nun haben die Staatsanwälte offenbar ausreichend in der Hand. Ein Sprecher sagt zu manager magazin online, dem Emissionshauschef, im Hauptberuf Arzt mit Spezialisierung auf Hormon- und Stoffwechselerkrankungen, werde gewerbsmäßige Untreue in genau 318 Fällen vorgeworfen.

Bei dem umtriebigen Mediziner, der sich auch schon als Biotech-Investor betätigte, und der Wölbern erst im Jahr 2006 der südafrikanischen Absa Gruppe abkaufte (siehe Kasten links), bestehe zudem Fluchtgefahr. Folge: Schulte wurde am Montagmorgen schon um 7.30 Uhr sicherheitshalber in Haft genommen.

Der Streit, den die Anleger der Immobilienfonds von Wölbern Invest mit dem Management schon seit beinahe zwei Jahren ausfechten, findet damit seinen vorläufigen Höhepunkt. Und Deutschland hat fast auf den Tag genau sieben Monate nach der Großrazzia gegen die Frankfurter Immobiliengruppe S&K sowie deren bundesweites Netzwerk einen neuen Anlageskandal.

Schulte soll sich mit 37 Millionen Euro bereichert haben

Insgesamt 137 Millionen Euro soll Schulte nach Angaben der Staatsanwaltschaft aus den geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest unrechtmäßig entnommen haben. 37 Millionen Euro davon seien in seine Privatschatulle gewandert, so der Vorwurf weiter. Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, droht dem Finanzmanager, der gleichzeitig die medizinische Einrichtung "Endokrinologikum" mit Hauptsitz in Hamburg leitet, eine Haftstrafe von mehreren Jahren.

Von Schulte oder Wölbern Invest war zu den Beschuldigungen aktuell keine Stellungnahme zu bekommen. Der Vorwurf, Schulte könnte Geld aus Wölbern-Fonds zweckentfremdet haben, wurde von Anlegern und deren Anwälten allerdings in der Vergangenheit bereits häufiger geäußert. Der Firmenchef wie auch das Emissionshaus haben das jedoch stets zurückgewiesen.

Misstrauisch wurden viele Wölbern-Investoren erstmals Anfang 2012. Da versuchte das Emissionshaus für zahlreiche seiner Immobilienfonds ein sogenanntes Liquiditätsmanagementsystem einzuführen. Der angebliche Zweck: Die Fonds sollten sich untereinander Geld leihen. So sollten sie nach Angaben von Wölbern Invest mit brachliegender Liquidität einerseits höhere Erträge erzielen als beispielsweise bei Bankeinlagen. Andererseits hätten sich Fondsgesellschaften bei Bedarf günstig Geld beschaffen können.

Der Plan von Wölbern Invest scheiterte jedoch, weil sich viele Anleger dagegen aufbäumten. Sie sahen ein erhöhtes Risiko für ihre Einlagen und fühlten sich nicht ausreichend informiert. Rückendeckung bekamen die Investoren dabei von Gerichten. Mit mehreren Urteilen wurden die Beschlüsse verschiedener Wölbern-Fondsgesellschaften zur Teilnahme am sogenannten Cashpool wieder einkassiert.

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