Donnerstag, 20. September 2018

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Was die Digitalisierung für Anleger bedeutet

Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Privat stellt sich für die meisten von uns schon gar nicht mehr die Frage, ob wir die Digitalisierung eigentlich wollen oder nicht. Durch den Besitz von mindestens einem Smartphone haben wir die Antwort bereits selbst gegeben. Viele sind maximal digitalisiert - zumindest dem aktuellen Stand der Technologie entsprechend.

Carsten Mumm
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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Wir brauchen Netzwerke, sowohl privat als auch beruflich. Schon seit Jahrtausenden haben Menschen von Arbeitsteilung und Handel profitiert. Letztlich sehen wir gerade nichts anderes als die Fortsetzung dieser Arbeitsteilung mit modernsten Mitteln. In diesem Sinne ist die Digitalisierung unser Werkzeug. Wir können sie zielführend einsetzen, um den menschlichen Alltag zu vereinfachen. Sogar die Unzulänglichkeiten oder Fehlentwicklungen der Globalisierung der letzten 20 Jahre können wir verbessern - beispielsweise durch die Möglichkeiten, dezentral von Heimarbeitsplätzen aus zu arbeiten oder aus jeder Ecke der Welt online an Elite-Universitäten zu studieren. Auf diese Weise können viel mehr Menschen von den weiter zunehmenden Mehrwerten der internationalen Arbeitsteilung profitieren.

Auch an den Kapitalmärkten hinterlässt die Digitalisierung ihre Spuren. Schon heute sind die sechs nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen der Welt - Apple, Amazon, Microsoft, Alphabet, Facebook und Tencent - ausnahmslos Technologieunternehmen, die größtenteils von der Digitalisierungswelle profitieren. Dabei liegt die Börsenbewertung von Apple, dem derzeit weltgrößten Unternehmen, bei über 800 Milliarden Euro und steuert langsam aber sicher auf die Marke von einer Billion Euro zu.

Die Apple-Aktie ist im Zuge eines rasanten Kursanstiegs um über 200 Prozent in den vergangenen fünf Jahren an die Spitze gesprintet und hat den breit gefassten Index der größten US-Unternehmen, den S&P 500, mit nach oben gezogen. Inklusive Dividenden konnten sich Anleger in dieser Zeit sogar über eine Rendite von 250 Prozent freuen. Der Index hat hingegen "nur" gut 70 Prozent Kursanstieg bzw. 90 Prozent Rendite bei Berücksichtigung der Dividenden zu verzeichnen.

Die "alte Garde" der großen Flaggschiffe in der Rangliste folgt mit JP Morgan und Exxon mit großem Abstand. Einige ehemalige Große verlieren immer mehr an Bedeutung, wie das gerade angekündigte Ausscheiden von General Electric aus dem Dow Jones Index zeigt. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt mittlerweile unter 100 Milliarden Euro.

Negativbeispiel Nokia

Zukünftig wird sich die Spreu der Aktien, die es nicht schaffen, die technologischen Entwicklungen für sich zu nutzen, noch mehr vom Weizen der Unternehmen, die die Zukunft eng und aktiv begleiten, trennen. Das bringt Herausforderungen bei der Aktienauswahl mit sich. Ein berühmtes Negativbeispiel aus der Vergangenheit ist Nokia, der einstmals größte und modernste Handyhersteller der Welt. Wer den rasanten technologischen Wandel nicht eng begleitet und wenn notwendig schnell auf neue Entwicklungen reagiert, verliert den Anschluss. Für andere Unternehmen wiederum ergeben sich dadurch herausragende Möglichkeiten, beispielsweise Apple oder Samsung.

Dabei entstehen völlig neue und anders zu bewertende Geschäftsmodelle. Apple etwa hat das Bedürfnis nach Smartphones selbst kreiert. Wir hatten noch vor zehn Jahren keine Ahnung davon, dass wir die kleinen Minicomputer heute kaum noch aus der Hand legen würden. Gleichzeitig sind dieser Bedarf und damit auch das Geschäftsmodell von Apple relativ konjunkturunabhängig. Wir nutzen unsere iPhones & Co. auch im nächsten Konjunkturabschwung mindestens genauso intensiv wie aktuell - vielleicht sogar noch mehr. Ähnlich unsensibel ist das Geschäftsmodell von Facebook.

Oftmals nutzen diese Unternehmen erhebliche Skalen- und Netzeffekte. Der "Maschine" von Facebook ist es egal, ob 100.000, eine Million oder eine Milliarde neue Nutzer die Dienstleistung nutzen. Es bedarf höchstens einiger neuer Server, aber keiner komplett neuen Fabrik. Die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells ist nahezu unendlich. Gleichzeitig wird Facebook mit jedem neuen Nutzer interessanter für neue Mitglieder. Das soziale Netzwerk mit den meisten Nutzern ist zum Netzwerken am sinnvollsten. Große Anbieter ziehen dadurch immer mehr Mitglieder an - ein Aspekt in der Unternehmensbewertung, der so für klassische Branchen kaum galt.

Die größte Gefahr der Digitalisierungs-Giganten ist womöglich die Selbstüberschätzung. Wer vor Kraft und Selbstvertrauen kaum gehen kann, könnte strategische Fehler begehen - wie vielleicht bei Facebook und Tesla der Fall. Auch das müssen Analysten berücksichtigen.

Daher ist nicht alles, was technologisch einen modernen Anschein hat, auch ein vielversprechendes Investment. Ob Tesla tatsächlich in einigen Jahren der führende Hersteller von E-Autos und profitabel sein wird, ist fraglich.

In Deutschland mussten sich bisher vor allem die Medien und der Handel auf die völlig veränderten Kauf- und Konsumgewohnheiten der Menschen einstellen. Die Auflagen der meisten Printmedien sinken kontinuierlich. Der Anteil von E-commerce am Gesamtumsatz in Deutschland beträgt in den Segmenten Elektroartikel, Mode und Hobby schon heute über 25 Prozent und wächst stetig.

Demnächst wird die Entwicklung auch weitere Branchen zum Umdenken bringen, etwa die Banken, die schon heute den Atem der Fintechs & Co. spüren. Viele Institute kooperieren daher schon heute mit neuen Anbietern und werden ihre Geschäftsmodelle radikal auf die neue digitalisierte Welt einstellen. Dadurch besteht auch die Chance, ein neues Niveau an Produktivität zu erreichen und die seit Jahren durch den Niedrigzins erodierende Ertragslage zu verbessern.

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