Freitag, 16. November 2018

Risikomanagement Mittelständlern droht böses Erwachen

Blick in die Röhre: Nicht nur im Produktionsprozess, auch bei der Finanzierung drohen unangenehme Überraschungen

Eine Umfrage des Tüv Rheinland kratzt am guten Image des deutschen Mittelstands. Danach ist das Risikomanagement in vielen Firmen bedenklich unterentwickelt. So mancher Firma droht ein böses Erwachen - beim Besuch der Hausbank.

Der deutsche Mittelständler gilt gemeinhin als der perfekte Unternehmer. Er hat tolle Produkte, ist immer für seine Kunden da, natürlich von China bis Chile, er handelt sozial verantwortlich und ökologisch nachhaltig, und vor allem denkt er nicht in Quartalen, sondern in Generationen, er legt also größten Wert auf vorausschauendes Risikomanagement.

Pustekuchen. Bis zu einem Fünftel der Firmen machen sich über strategische Risiken wie Wettbewerb, Ressourcen, IT-Sicherheit oder die Nachfolge an der Unternehmensspitze so gut wie keine Gedanken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Tüv Rheinland, die auf einer Umfrage unter gut 600 Mittelständlern basiert und manager magazin online exklusiv vorliegt. Statt ihre Zukunftsfähigkeit ständig im Auge zu behalten, schreiten viele deutsche Mittelständler reichlich leichtsinnig durchs Geschäftsleben.

"Die Risikosensibilität ist in Teilen des deutschen Mittelstandes noch unterentwickelt", sagt Gabriele Rauße, Geschäftsführerin beim Tüv Rheinland, der die Risikostudie in Auftrag gegeben hat. "Das ist ein wenig so als wenn ich auf der Autobahn schnell fahre, aber dabei aufs Anschnallen verzichte", sagt Rauße. Die Prüfer und Berater vom Tüv Rheinland gehören mit ihren 17.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 1,5 Milliarden Euro zu den intimsten Kennern der deutschen Unternehmenslandschaft.

Nicht wenige Unternehmer, warnen die Tüvler nun, sind also eher als Geisterfahrer gegen das Ideal des deutschen Mittelständlers unterwegs. 20 Prozent der vom Tüv befragten Unternehmer und Manager wusste nicht ein einziges Risiko zu nennen, das sie für ihre Firma umtreibt und gegen das sie sich gezielt wappnen.

An der Spitze der genannten Sorgen stehen zudem allgemeine Risiken, auf die die Firmenchefs kaum einen Einfluss haben: Wettbewerb und Konjunktur nannten 32 Prozent der befragten Führungskräfte, Fachkräftemangel (22 Prozent) sowie finanzielle und steuerliche Risiken (17,5 Prozent) kamen auf Platz zwei und drei.

Nur jeder zehnte Befragte sorgt sich um konkrete Bedrohungen

Konkretere Bedrohungen wie der Ausfall von Lieferketten oder IT, selbst verursachte Umweltschäden oder mangelnde Produktqualität treibt nur je weniger als 10 Prozent der Unternehmen um. Insgesamt schneiden größere Unternehmen im Schnitt allerdings besser ab als kleinere.

Zum unterentwickelten Risikobewusstsein passt, dass fast 30 Prozent der befragten Unternehmen so gut wie keine Risikosteuerung im Betriebsalltag vornehmen. Auch normierte Managementsystem wie etwa die "Balanced Scorecard" nutzen nur drei Viertel der Firmen. Und unter denjenigen Unternehmen, die konkrete Maßnahmen zur Sicherung ihrer Zukunftsfähigkeit ergriffen haben, machen sich nur die Hälfte die Mühe, die Ergebnisse ihrer Bemühungen auch zu messen und zu evaluieren.

Statt systematischen Risikomanagements dominieren in Teilen des deutschen Mittelstandes also eher kurzfristiges Denken und ein enges Blickfeld auf den eigenen Markt und das nächste Jahresergebnis. "So werden Unternehmen ihrer Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Gesellschaft nicht gerecht", findet Tüv-Geschäftsführerin Rauße.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH