Montag, 15. Oktober 2018

Türkische Lira auf Rekordtief zum Euro Lira-Absturz frisst Kapitalpuffer der türkischen Banken

Recep Tayyip Erdogan will die Notenbank stärker kontrollieren - und setzt damit die Lira weiter unter Druck
Pool Presdential Press Service/AP/dpa
Recep Tayyip Erdogan will die Notenbank stärker kontrollieren - und setzt damit die Lira weiter unter Druck

Die rasante Abwertung der Lira droht Goldman Sachs zufolge die Kapitalpuffer der türkischen Banken aufzuzehren. Sollte der Dollar auf 7,10 Lira steigen, hätten die Institute keinerlei Sicherheitspolster mehr, warnten die Experten der US-Investmentbank am Dienstag. Seit Jahresbeginn wertete der Dollar gegenüber der Lira um rund 40 Prozent auf und kostete zuletzt 5,30 Lira.

Auf den wackligsten Beinen stehe Yapi Kredi Bankasi, betonten die Goldman-Analysten. Durch den Lira-Verfall der vergangenen Wochen sei der Effekt der umgerechnet rund 800 Millionen Euro schweren Kapitalerhöhung vom Frühjahr wieder verpufft. Die Konkurrenten Garanti Bankasi und Akbank stünden im Vergleich etwas besser da.

Die türkische Währung Lira befindet sich unterdessen weiter im freien Fall. Nachdem die Lira gegenüber dem Dollar am Montag ein Rekordtief erreicht hatte, gab sie in der Nacht zum Dienstag auch gegenüber dem Euro weiter nach und erreichte auch gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung ein Rekordtief: Für einen Euro mussten zeitweise erstmals mehr als 6 Lira gezahlt werden.

Anschließend erholte sich die Lira wieder ein wenig von ihre Tiefständen - doch die Mehrzahl der Analysten glaubt nicht, dass die Talfahrt bereits zu Ende ist. "Die nächtliche Erholung der Lira sollte man nicht überbewerten", kommentierte Lutz Karpowitz von der Commerzbank. "In Krisenphasen ist kaum noch eine kontinuierliche Preisfeststellung gewährleistet." "Die Anfälligkeit, mit der die Lira auf negative Nachrichten reagiert, zeigt, dass das Vertrauen ausländischer Kapitalgeber in das Land schwindet", sagte Wolfgang Kiener von der BayernLB.

Hohes Leistungsbilanzdefizit der Türkei - doch die Notenbank hält still

Karpowitz erwartet vielmehr, dass die Krise der Lira erst richtig los geht. Sie dürfte der türkischen Volkswirtschaft und Gesellschaft "weh tun". Er verwies auf das "exorbitante Leistungsbilanzdefizit" der Türkei. Verantwortlich sei die Notenbank, die trotz der hohen Inflation ihre Leitzinsen nicht anhebe. Präsident Erdogan, der die Notenbank stärker kontrollieren will, hat sich wiederholt gegen höhere Zinsen ausgesprochen.

Seit Wochen befindet sich der Kurs der türkischen Lira im Abwärtstrend. Nachdem Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan klar gemacht hatte, die türkische Notenbank stärker unter seine Fittiche zu nehmen, hatten zuletzt Sanktionen der USA einen weiteren Kurssturz der Lira ausgelöst.

Inzwischen hat die Lira im Vergleich zur europäischen Gemeinschaftswährung seit Beginn des Jahres mehr als 35 Prozent an Wert verloren. In den vergangenen drei Jahren hat sich der Wert halbiert.

Derweil klettert die Rendite für türkische Staatsanleihen auf ein Rekordhoch. Zehnjährige Staatspapiere wurden am Dienstag mit einer Rendite von bis zu 20,09 Prozent gehandelt. Je höher Renditen sind, desto stärker sind Titel mit Unsicherheiten behaftet und ein größeres Risiko für Anleger.

Ökonomen zufolge sind Zinsanhebungen in der Türkei nötig, um gegen die Rekordschwäche der Lira sowie gegen die galoppierende Inflation anzukämpfen. Dennoch ist Staatschef Recep Tayyip Erdogan strikt gegen hohe Zinsen, weil er einen Dämpfer für die Wirtschaft fürchtet.

Eine Kurserholung zeigte sich zuletzt am türkischen Aktienmarkt in Istanbul. Hier legte der BIST 100-Index am Dienstag um 1,28 Prozent zu. Seit Beginn des Jahres ist aber auch der türkische Aktienmarkt mit einem Minus von mehr als 17 Prozent stark unter Druck geraten.

la/dpa/reuters

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