Sonntag, 24. März 2019

Währungskrise in der Türkei Bankaktien im Fall

Türkische Wechselstube: Die Lira sinkt am Montagmorgen erneut zweistellig

Istanbul - Die Istanbuler Börse hat am Montag unter dem Druck des Lira-Verfalls weiter nachgegeben. Bis zum Mittag sackte der Leitindex ISE 100 um nahezu 4 Prozent ab, nachdem die Kurse vor dem Wochenende bereits eingebrochen waren. Damit nähert sich der Index inzwischen wieder seinem Zwischentief von Mitte Juli. Seit Jahresbeginn hat der türkische Leitindex bereits mehr als ein Viertel eingebüßt. Die Angst vor einem Zahlungsausfall drückt besonders die Kurse der türkischen Banken.

Der Kursverfall des Branchenindex' der türkischen Banken nahm zu Wochenbeginn weiter an Tempo auf - zuletzt betrug der Verlust mehr als 10 Prozent. In den vergangenen drei Handelstagen, in denen sich die Krise der Lira weiter zugespitzt hatte, haben die Papiere der türkischen Banken damit im Schnitt rund 17 Prozent an Wert verloren. Am Montag mussten die größten Abschläge im Sektor die Aktien der Turkiye Is Bankasi verkraften: Hier betrug das Minus knapp 12 Prozent.

Bankaktien-Minus mittlerweile bei 17 Prozent

Und das obwohl die Zentralbank des Landes am Montagmorgen angekündigt hatte, die Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken sicherzustellen. Sie werde den Finanzmarkt genau beobachten und alle notwendigen Schritte ergreifen, um die Finanzstabilität zu sichern.

Der Streit zwischen der Türkei und den USA hatte den Weg für den weiteren dramatischen Wertverfall der türkischen Lira geebnet. Der Finanzminister und die Zentralbank der Türkei haben inzwischen Notfallmaßnahmen ergriffen. Am Montag gipfelte die Auseinandersetzung zwischen Washington und Ankara zunächst in verdoppelten US-Strafzöllen auf Stahl aus der Türkei.

Zu den weiteren großen Verlierern an der Istanbuler Börse gehörten zu Wochenbeginn Titel aus den Branchen Energie- und Luftfahrt. Aktien des Energiekonzerns Enerjisa Enerji brachen um mehr als 10 Prozent ein. Papiere der türkischen Airline Turk Hava Yollari verloren rund 2 Prozent, nachdem sie bereits vor dem Wochenende kräftig nachgegeben hatten.

Erdogan spricht von "Angriff auf unser Land"

Der türkische Präsident Erdogan sprach angesichts des Lira-Verfalls von einem "Angriff auf unser Land". Wie in anderen Bereichen sei "die Türkei einer wirtschaftlichen Belagerung ausgesetzt", sagte Erdogan, der schon am Wochenende von einer "Verschwörung" und einem "Wirtschaftskrieg" gegen sein Land gesprochen hatte. Zugleich versicherte er aber, die Wirtschaft sei weiter stabil und stark.

Deutlich höhere Zinsen für Anleihen

Auch für Anleihen muss die Türkei angesichts der aktuellen Krise immer höhere Zinsen an Investoren bezahlen. Für eine am Montag herausgegebene 419 Millionen Lira (umgerechnet rund 55 Millionen Euro) schwere Staatsanleihe setzte das Finanzministerium des Landes eine Rendite von 24,89 Prozent fest, wie aus Daten der Zentralbank hervorging. Eine vergleichbare Anleihe aus dem Juli rentierte bei 20,3 Prozent. Im März lag die Rendite noch bei weniger als 14 Prozent.

Die Sorgen vor einem Überschwappen der Wirtschafts- und Währungskrise in der Türkei, die eng mit dem Konflikt mit den USA zusammenhängt, hatten zuvor schon den asiatischen Börsenhandel beeinflusst und die türkische Lira auf ein neues Rekordtief gebracht. Der Wert der türkischen Währung sank am Montag im Vergleich zum Euro und zum US-Dollar zeitweise erneut zweistellig. Erstmals mussten mehr als sieben Lira für einen US-Dollar und mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden.

Die Lira hat seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent ihres Wertes verloren. Alleine am Freitag hatte sie 18 Prozent eingebüßt und war auf ein Rekordtief von 7,24 zum Dollar gestürzt. Es war der größte Verlust an einem einzigen Tag seit 2001.

Ifo-Chef Clemens Fuest riet der Türkei in der aktuellen Krise, Hilfen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen. "Wir müssen uns massiv Sorgen machen", schrieb er im "Handelsblatt". Die Ankündigung von US-Sanktionen gegen die Türkei, die seit Montagmorgen gelten, seien der "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat". Allerdings sind IWF-Hilfen mit Auflagen für die Wirtschaftspolitik verbunden.

Türkischer Finanzminister plant Aktionsplan

Etwas beruhigt wurde die Lage durch Ankündigungen des türkischen Finanzministers Berat Albayrak am späten Sonntag, am Montag einen "Aktionsplan" als Antwort auf die Krise vorzustellen. Dabei werde es um die türkischen Banken und die kleinen und mittleren Unternehmen des Landes gehen, die besonders unter dem Währungsverfall leiden, sagte er.

Die Beziehungen zwischen Washington und Ankara werden derzeit durch eine ganze Reihe von Streitfragen belastet. Im Zentrum des Streits stehen zwei Geistliche: Washington fordert die Freilassung des US-amerikanischen Pastors Andrew Brunson, der wegen des Verdachts auf Spionage und Terrorvorwürfen in der Türkei unter Hausarrest steht. Ankara wiederum verlangt bisher vergeblich die Auslieferung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, den der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht.

Am Freitag hatte US-Präsident Donald Trump Donald Trump eine Verdopplung der Strafzölle auf Stahl und Aluminium gegen Ankara angekündigt - die auf Stahl traten in der vergangenen Nacht in Kraft. Seit 0.01 Uhr (US-Ostküstenzeit/6.01 MESZ) wird Stahl aus der Türkei mit Abgaben in Höhe von 50 Prozent statt bislang 25 Prozent belegt.

Erdogan: "Kampagnen gegen die Türkei"

Nach Angaben des türkischen Handelsministeriums exportierte das Land im vergangenen Jahr Eisen, Stahl und Aluminium im Wert von 1,1 Milliarden Dollar (950 Millionen Euro) in die USA - das habe einem Anteil von 0,7 Prozent aller Ausfuhren entsprochen.

mg. mihec, AFP, dpa-afx, reuters

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