07.12.2017

Ikea-Rivale im freien Fall - 11 Milliarden Euro Kursverlust

Steinhoff sucht Rettung in Teilverkäufen

la/dpa/reuters

Steinhoff-Manager beim Börsengang in Frankfurt am Main. Links Gründer Bruno Steinhoff, zweiter von rechts Interims-Chef Christoffel "Christo" Wiese

Der zweitgrößte Möbelkonzern Europas, Steinhoff, gerät immer stärker in Turbulenzen. Nach dem Abgang von Firmenchef Markus Jooste stürzt die Pennystock-Aktie weiter ab. manager magazin hatte bereits ausführlich über die fragwürdigen Bilanzpraktiken bei Steinhoff berichtet. Der Kursrutsch der Steinhoff-Anleihe betrifft auch die Europäische Zentralbank.

Der Poco-Mutterkonzern Steinhoff hat mit dem Rücktritt des langjährigen Vorstandschefs und dem Verdacht auf Bilanzfälschungen das Vertrauen seiner Aktionäre verloren. Interimschef und Großaktionär Christoffel Wiese will nun das Ruder herumreißen. Er kündigte an, durch den Verkauf von Randgeschäften die Liquidität aufpolstern zu wolle. Es gebe bereits Interessensbekundungen.

Die angepeilten Verkäufe könnten dem südafrikanisch-deutschen Einzelhandelsriesen mindestens eine Milliarde Euro einbringen. Zudem wolle die afrikanische Tochter Star ihre Schulden beim Mutterkonzern refinanzieren. Dieser Schritt dürfte die zusätzlichen Finanzmittel auf etwa zwei Milliarden Euro erhöhen.


Lesen Sie auch den großen mm-Report zu Steinhoff: Einstürzende Neubauten - windige Bilanzen, dubiose Geschäfte und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Steht Europas zweitgrößter Möbelkonzern vor der Implosion?


Die Anleger waren davon allerdings nicht überzeugt. Am Donnerstag brach der Kurs weiter auf 79 Cent ein. Die in Johannesburg und im MDax in Frankfurt notierten Papiere verloren damit seit Montag 77 Prozent, also elf Milliarden Euro an Wert.

"Einer der Gründe in Steinhoff investiert zu sein, war bislang eigentlich, dass sie das Wertpotenzial gut ausschöpfen konnten", sagte Fonds-Manager Michael Treherne von Vestact in Johannesburg. "Das hat sich nun geändert, das Management hat sich als Belastung herausgestellt." Ein Händler sagte: "Die Aktie will aktuell keiner mehr haben, alle wollen raus."

Anleihenkäufe: Steinhoff-Chaos betrifft auch die EZB

Poco

Turbulente Zeiten beim Möbelriesen Steinhoff, Mutterfirma des Einrichtungsdiscounters Poco: Der Aktienkurs ist eingebrochen, Staatsanwälte untersuchen Unregelmäßigkeiten in der Bilanz. Eine mehr als 50 Jahre alte Erfolgsgeschichte gerät damit ins Wanken.

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Der Chef ist schon weg: Nach 20 Jahren an der Spitze des Managements hat Markus Jooste den Posten abgeben müssen.

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Noch vor drei Jahren war die Welt für Steinhoff in Ordnung: Firmengründer Bruno Steinhoff beim Börsengang in Frankfurt am Main.

Der Börsen-Umzug von Johannesburg (Südafrika) nach Frankfurt trug der Tatsache Rechnung, dass Steinhoff den Großteil seines Umsatzes und seiner Gewinne in Europa erwirtschaftete. An der Börse zeigte sich auch Chefaufseher Christoffel "Christo" Wiese (zweiter von rechts). Der südafrikanische Multimilliardär, der Jooste als Interimschef beerbte, musste inzwischen auch gehen. Die Gläubigerbanken verkauften sogar Aktien des bisherigen Großaktionärs.

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Die Geschichte des mysteriösen Unternehmens begann im idyllischen Ammerland (im Bild: Badesee in Nethen).

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Dort gründete Bruno Steinhoff 1964 das Vorgängerunternehmen des heutigen Konzerns, die "Bruno Steinhoff Möbelvertretungen und -vertrieb".

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Schon bald strebte das Unternehmen danach, ein zweites Ikea zu werden. Ein Erfolgsrezept: Importe billiger Möbel aus dem Ostblock.

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Die Schweden machten es ähnlich: Billy-Regale ließ der Konzern beispielsweise in der DDR fertigen - auch von Zwangsarbeitern.

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Nach und nach baute Steinhoff ein Imperium mit Fertigungsstätten in Osteuropa, Afrika, Australien und Großbritannien auf.

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Stars wie Daniela Katzenberg befeuerten das Wachstum in Kampagnen für Poco und andere Steinhoff-Marken.

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Bayern-Star David Alaba gab sich für eine Werbeoffensive zugunsten der österreichischen Tochter Kika her. "I bin a Kika" sagt er in einem Werbesport.

Das Steinhoff-Portfolio wirkt seltsam heterogen: Zahlreiche Marken wie Puris, Conforama oder Abra Mele kamen in den vergangenen Jahren hinzu.

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Synergieeffekte sind für Branchenkenner in weit geringerem Maße zu erkennen als bei Ikea. Die Schweden haben ihre Produkte weltweit hochskaliert und vertreiben es weitgehend unter einer Marke.

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So unklar der operative Nutzen des Steinhoff-Sammelsuriums ist, desto klarer wird nach und nach der Nutzen für Bilanz und Steuerstrategie. Dubiose Transaktionen haben die Geschäftszahlen aufgebläht und zugleich Gewinne schmelzen lassen - zumindest dort, wo sie hoch zu versteuern wären.

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Auch um die hohe Bewertung von Poco in der Bilanz gibt es juristischen Streit. Das operative Geschäft läuft indes offenbar auch nicht rund. Vom Gewinn blieb nach Steuern zuletzt kaum echtes Geld übrig - der Netto-Cashflow sackte auf 13 Millionen Euro. Gestiegen sind indes die Nettoschulden - von 2,9 auf 6,5 Milliarden Euro. Der Vertrauensverlust an der Börse erwischt Steinhoff somit in einer denkbar ungünstigen Lage.

Die Kursturbulenzen bei Steinhoff gehen unterdessen auch an der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht spurlos vorüber. Denn die Währungshüter sitzen auf Steinhoff-Anleihen, die sie im Rahmen ihres Wertpapier-Kaufprogramms erworben haben. Die von den Euro-Wächtern gehaltene Steinhoff-Anleihe mit Laufzeit bis 2025 ist ebenso wie die Aktie in dieser Woche massiv eingebrochen: Binnen weniger Tage vervierfachte sich hier die Rendite von 3,5 auf fast zwölf Prozent.

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft seit Mitte 2016 Firmenanleihen. Für den Erwerb der Steinhoff-Anleihe war seinerzeit die finnische Notenbank zuständig.

Behörden ermitteln wegen fragwürdiger Bilanzierung

Neben den Fragen zum Verdacht der Bilanzfälschungen und den Ermittlungen der Behörden in Oldenburg sorgte Steinhoff am Mittwoch für weitere Verunsicherungen. Nach der Bekanntgabe des Rücktritts des seit zwei Jahrzehnten amtierenden Vorstandschefs Markus Jooste erklärte die Firma zunächst, auch Finanzvorstand Ben La Grange werfe das Handtuch.

Das nahm Steinhoff jedoch später zurück. Der Manager solle auf seinem Posten bleiben. Er sei lediglich bei der afrikanischen Tochter Star als Vorstand zurück getreten.

Der nach Ikea weltweit zweitgrößte Möbelhändler ist bereits seit August im Visier der Justiz. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche des Konzerns, dessen Europazentrale in Westerstede liegt, wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung. manager magazin hatte bereits im September über die verdächtigen Bilanzierungs-Praktiken bei Steinhoff exklusiv berichtet.

Mutmaßlich seien überhöhte Umsatzerlöse ausgewiesen worden, weil zum Konzern gehörende Firmen immaterielle Werte oder Gesellschafteranteile an vermeintlich fremde, den Ermittlungen zufolge jedoch dem Konzern nahestehende Unternehmen, verkauft haben sollen. Dabei soll es um Transaktionen jeweils in dreistelliger Millionenhöhe gehen. Steinhoff hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Neben dem 76-jährigen Milliardär Wiese, der mit rund 23 Prozent größter Einzelaktionär von Steinhoff ist, sind Public Investment Corp mit 8,5 Prozent und Coronation Fund Managers mit 5,2 Prozent weitere Großaktionäre.

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