Montag, 18. Februar 2019

China will Kinder bestrafen, die Eltern vernachlässigen Besuchst Du Mama nicht zu Haus, ist es mit dem Kredit bald aus

Hilfe tut not: Die chinesische Bevölkerung altert rapide. Jetzt sollen die Familien noch stärker in die Pflicht genommen werden.

Wer in Shanghai seine Kreditwürdigkeit erhalten will, muss seine Eltern besuchen. Nicht etwa, weil in der chinesischen Industriemetropole grundsätzlich die Papabank für Finanzdinge zuständig wäre - sondern weil die Stadt neue Verordnungen erlassen hat, die ihre Bewohner dazu zwingen sollen, Mutter und Vater oft zu besuchen und Grüße zu schicken. Das berichtet Luo Ruiyao, Reporter beim chinesischen Magazin Caixin.com, in dessen englischer Ausgabe.

Die neuen Regeln institutionalisieren einen wichtigen Bestandteil des konfuzianischen Moralkodex, der tief im Denken der meisten Chinesen verwurzelt ist: Man hat sich um seine alten Eltern zu kümmern. Neu ist, dass die jetzt nicht nur nörgeln können ("warum besuchst du mich so selten"), sondern richtig etwas in der Hand haben: Wer der Ansicht ist, von seinen Kindern vernachlässigt zu werden, kann sie deswegen verklagen.

Ist der Sprössling dann immer noch uneinsichtig oder hat schlicht keine Lust, sich zu kümmern, wird die Bonität des Betreffenden gesenkt, berichtet Caixin.com unter Berufung auf Luo Peixin, stellvertretender Direktor der städtischen Rechtsbehörde.

Die Verordnung betrifft viele Menschen: In Shanghai leben rund 4,36 Millionen Menschen, die älter sind als 60 Jahre - nach offiziellen Daten ein knappes Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt. Bis 2018 soll die Zahl auf über fünf Millionen steigen.

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Shanghai ist eine regierungsunmittelbare Stadt, das heißt, sie untersteht direkt der Zentralregierung - wie eine eigene Provinz. Die neue Regelung tritt zum 1. Mai in Kraft und ist Teil der Bestrebungen auch der chinesischen Zentralregierung, den Familiensinn zu stärken - unter anderem aufgrund der Ein-Kind-Politik altert die chinesische Bevölkerung rapide.

Bereits 2013 hatte die chinesische Regierung ein Gesetz mit dem Titel "Schutz der Rechte und Interessen der Älteren" erlassen, das Kinder von über 60-jährigen Eltern dazu zwingen soll, sie oft zu besuchen und dafür zu sorgen, dass es ihnen finanziell und emotional gut geht. Auch damit konnten Eltern ihre Kinder schon verklagen, wenn sie sich vernachlässigt fühlten; allerdings wird das Gesetz als vage kritisiert, weil es die Vorgabe "oft besuchen" nicht genau definiert und welche Strafen es bei Nichtbeachtung geben soll.

Caixin.com zitiert den Shanghaier Rechtsanwalt Ding Jinkun, der 2013 in einem Blog schrieb, es gebe keine Möglichkeit, das Gesetz überhaupt zur Anwendung zu bringen. In vier Fällen, in denen Eltern tatsächlich gegen ihre Kinder vor Gericht zogen, weil sie sich "emotional vernachlässigt" fühlten, hatte der Richter im südchinesischen Ghuangzhou sich auf den Standpunkt gestellt, er könne nur die Gespräche zwischen beiden Seiten erleichtern, aber die Kinder nicht zwingen, Besuche abzustatten.

Da scheint die neue Konsequenz eines sinkenden Schufa-Rankings (beziehungsweise des chinesischen Äquivalents dazu) schon eher wirksame Effekte zu versprechen. Auch wenn man sich sehr gut vorstellen kann, wie entspannt der Familienbesuch ausfällt, nachdem die Eltern die Kinder verklagt haben und die jetzt nur kommen, um weiter kreditwürdig zu bleiben. Das wird dann bestimmt ein fröhlicher Nachmittag, an dem man sich beim Abschied schon so richtig aufs nächste Mal freut.

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