Montag, 30. Mai 2016

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Debakel ohne Ende Das 300. Schiff ist pleite - Anleger verlieren Milliarden

Schwere Schieflage: Immer mehr Schiffsfonds müssen Insolvenz anmelden

Recherchen für manager magazin online zeigen: Die Schiffsfondskrise ist bereits weiter fortgeschritten, als viele glauben. Bereits das 300. Fondsschiff hat soeben Insolvenz angemeldet. Seit Beginn der Misere haben Anleger schon mehr als vier Milliarden Euro verloren.

Hamburg - Die Insolvenzwelle in der Schifffahrt erreicht ein trauriges "Jubiläum". Marktbeobachter sprechen bislang von mehr als 200 Insolvenzen. Doch die tatsächliche Zahl ist noch deutlich höher: Mit dem Mehrzweckfrachter MS Julietta von HCI Capital Börsen-Chart zeigen ist in diesen Tagen bereits das 300. Fondsschiff in die Insolvenz geschlittert (eigene Recherche des Autors, Anm. d. Red).

Seit Beginn der Schifffahrtskrise im Jahr 2008 haben Privatanleger durch Schiffspleiten damit bereits mehr als vier Milliarden Euro verloren. Hinzu kommen Verluste aus Notverkäufen, ebenfalls in Milliardenhöhe. Das Ende der Fahnenstange ist damit noch lange nicht erreicht. Die HSH Nordbank geht sogar davon aus, dass sich die Schlagzahl bei den Insolvenzen im kommenden Jahr noch erhöhen wird.

Die Auftragslage für Insolvenzverwalter bleibt also stabil - zum Leidwesen vieler Privatanleger von geschlossenen Fonds, die neben ihren Schiffen meist ihre komplette Investition verlieren. Innerhalb von sieben Tagen haben zuletzt vier weitere Schiffsgesellschaften Insolvenz angemeldet. Betroffen sind neben dem HCI-Frachter MS Julietta das Containerschiff Frida Schulte von Lloyd Fonds Börsen-Chart zeigen und die beiden Frachter Santa Victoria und Santa Virginia, die MPC Capital Börsen-Chart zeigen zusammen mit der Hamburger Reederei Offen aufgelegt hatte. Anfang des Monats wurde zudem bereits ein 400-Millionen-Euro-Fonds von MPC und Offen zahlungsunfähig.

Für ein weiteres MPC-Schiff scheint jede Rettung zu spät. Die Anleger des 2500-TEU-Frachters Santa Francesca sind aufgefordert, über den Notverkauf ihres Fondsschiffs abzustimmen. Auch hier obliegt der Reederei Offen die Bereederung. Die Fondsgesellschaft musste bereits vor drei Jahren mit Nachschüssen und einer Finanzspritze externer Investoren über Wasser gehalten werden. Seit dem Einbruch schwanken die Charterraten um das Niveau der Betriebskosten. Verwaltungskosten, Zinsen und Tilgungen sind nicht gedeckt, an Ausschüttungen ist erst recht nicht zu denken.

Bank verliert die Geduld

Mittlerweile ist auch das Sanierungskapital von 2,6 Millionen Euro aus dem Jahr 2011 komplett aufgezehrt. Die Folgen teilte MPC den Anlegern in dieser Woche schriftlich mit: "Die finanzierende Bank ist nicht bereit, weitere Stundungen zu gewähren oder gar Betriebsmittel bereitzustellen", hieß es in einem Schreiben. Das Institut werde die Gesellschaft "bei Nichterfüllung der Verpflichtungen zum Verkauf des Schiffes drängen".

Da mit frischem Kapital seitens der Investoren nicht zu rechnen ist und andere Banken nicht einspringen werden, bleibt als Alternative der zeitnahe Verkauf. Und der wäre aller Voraussicht nach verbunden mit dem Totalverlust des ursprünglichen Eigenkapitals von 20 Millionen Euro.

Damit nicht genug: Egal, für welches Szenario sich die Anleger entscheiden - MPC fordert sie auf, ihre bislang erhaltenen Ausschüttungen zurückzuzahlen. Begründung: Bei den bisherigen Auszahlungen habe es sich nicht um Ausschüttungen aus Gewinnen, sondern um Darlehen aus der Liquidität gehandelt. In diesem Fall stehen die erhaltenen Rückflüsse der Kommanditisten in der Haftung - eine Konstellation, die offenbar selbst den Initiatoren lange Zeit nicht bewusst war.

Denn auch andere Anbieter sind erst nach dem Überschwappen der Insolvenzwelle dazu übergegangen, Ausschüttungen von Anlegern zurückzufordern. Aus den Fondsprospekten geht der Darlehenscharakter der Ausschüttungen in der Regel jedoch bestenfalls verklausuliert hervor.

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