Freitag, 15. Dezember 2017

Rente in Gefahr Flucht der Versicherer - Lebensversicherung wird zur Koalitionsfrage

Menschen in Leipzig: Die Lebensversicherung gehört seit Jahrzehnten zur Basis der privaten Altersvorsorge für viele Deutsche - dieser Nimbus ist in Gefahr

Was hört man nicht alles im Zusammenhang mit der Digitalisierung, zuletzt auf der Jahrestagung des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. Vom Kunden her denken, den Kunden in den Mittelpunkt stellen, alte Strukturen aufbrechen. Und nun das: eine Zäsur, die vergleichbar ist mit dem Wahlergebnis vom 24. September. Das Haus Lebensversicherung bebt, die Statik gerät ins Wanken, und der Kunde bekommt ein Gefühl der Ohnmacht und sieht sich ins Abseits gestellt.

Zur Person
Hermann Weinmann ist Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein

Externer Run-off heiß das neue Zauberwort der Branche für mehr Profitabilität, also der Verkauf von Millionen Bestandskunden an externe Abwickler. Bei der Ergo ist dies bereits beschlossene Sache, bei der Generali Lebensversicherung höchstwahrscheinlich, die Axa Lebensversicherung sieht darin eine Option. Vorbei die Zeit, in der man zwar der Auffassung war, dass Neugeschäft mit Zinsgarantien in der Null- und Negativzinsphase keinen Sinn mehr macht, die Unternehmen sich aber der Verantwortung bewusst waren. Der in Jahrzehnten aufgebaute Bestand sollte in eigener Regie zu Ende gebracht und Neugeschäft mit neuen Produkten und mit neuen Rechtsträgern gezeichnet werden. Jetzt will man diese Verantwortung abgeben.

Bisher galt für den Kommentator die Vermutung, dass ein interner Run-off für den Kunden besser ist als der Verkauf an externe Spezialisten. Die Begründung am Beispiel der Ergo Leben war die Sorge um das zukünftige Neugeschäft, also die Reputationsfrage. Man könne mit der Vorsorge Lebensversicherung als Neugeschäftsträger nur dann Erfolg haben, wenn gleichzeitig im Abwicklungsbestand Ergo Leben auch Zufriedenheit herrscht. Die Ergo Leben war in Gedanken die Vertrauen erweckende Konsolidierungsplattform im deutschen Markt der Lebensversicherung. Sie stand vor Augen als Garant der Beruhigung deutscher Lebensversicherungskunden durch ihre Ankündigung der Übernahme weiterer Bestände vor mehr als einem Jahr. Wenn man so will, war ihr eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zugedacht.

Jetzt kam alles anders. Fast will man an eine konzertierte Aktion glauben, wenn innerhalb von zwei Tagen ein Viertel der zwölf größten deutschen Lebensversicherer Millionen von Kunden in den externen Run-off schicken will. Angesichts der Zinsentwicklung war es bisher die Sorge um die Massenflucht von Verbrauchern aus der Lebensversicherung, die aber durch die hohen Garantien verhindert wurde. Jetzt ist es die Sorge um die Massenflucht der Versicherer, die den deutschen Lebensversicherungsmarkt erschüttern wird und die Verbraucher fragen lässt: Kann man den vollmundigen Versprechen mit lebenslangen Garantien überhaupt noch vertrauen, und wo werde ich mich dereinst wiederfinden.

Gewinner und Verlierer schon absehbar

Es wird (Reputations-)Gewinner und -Verlierer geben, und der Strukturwandel in der Lebensversicherung wird sich beschleunigen. Wahrscheinlich auf der Verliererseite werden die Unternehmen sein, die mit Nonchalance einen externen Run-off ankündigen, ohne zu präzisieren wie er vonstattengehen soll, wer den Bestand übernimmt und welchen Preis der Erwerber zu bezahlen bereit ist. Geht der Milliarden-Kaufpreis, der erhofft wird, dann an den Kunden oder an den Konzern? Zeit heilt Wunden, ist die Hoffnung dieser Unternehmen, und zu hoffen ist auch, dass die Börse lange mitmacht, auf die sich neue Produkte richten.

Gewinner werden die Unternehmen sein, die trotz neuer Geschäftsausrichtung unbeirrt und mit Disziplin an ihren langjährigen Kunden festhalten und mit ihnen durch dick und dünn gehen wollen. Voraussetzung ist Qualität in der Unternehmensführung.

Damit stellt sich die Managementfrage. Wer bisher Missmanagement betrieben hat, entledigt sich eines Problems nach dem Motto "aus den Augen aus dem Sinn". Wer ein großes Problem hat, der hat viele kleine Probleme schleifen lassen. Wir brauchen in den Vorständen und Aufsichtsräten der Lebensversicherung keine Befehlsempfänger des Kapitalmarkts, die nur an sich denken und fremder Leute Geld ausgeben können, sondern fähige Manager mit Standfestigkeit und Treue ihren Kunden und auch ihren Wegefährten bzw. Mitarbeiten gegenüber.

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