Montag, 19. November 2018

Ära des billigen Geldes endet S&P drückt Brasilien Ramsch-Rating auf

Ordem e progresso: Farbenfroher Protest gegen die Regierung
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Ordem e progresso: Farbenfroher Protest gegen die Regierung

Die Wirtschaftsmacht Brasilien muss einen herben Rückschlag verkraften. Wegen der Konjunkturkrise stufte Standard & Poor's (S&P) als erste Rating-Agentur die Kreditwürdigkeit des Schwellenlandes wieder in den sogenannten "Ramsch"-Bereich herab. An den Finanzmärkten wird nun befürchtet, dass die anderen Agenturen Moody's und Fitch nachziehen könnten. Der Dollar wertete am Donnerstag gegenüber dem brasilianischen Real um 3,7 Prozent auf, der größte Kurssprung seit zwei Jahren. An der Börse in Sao Paolo ging es bergab.

S&P begründete den Schritt mit verstärkten politischen Herausforderungen, vor denen Präsidentin Dilma Rousseff stehe. Sie versucht derzeit, die von einem Korruptionsskandal erschütterte größte Volkswirtschaft Lateinamerikas aus der schwersten Rezession seit einem Vierteljahrhundert zu führen.

S&P senkte die Bonitätsnote um eine Stufe auf "BB+" von "BBB-". Damit wird dem Land nicht mehr eine durchschnittliche Kreditwürdigkeit attestiert, das Gütesiegel "Investment-Grade" ist zumindest bei S&P weg. Mit der "Ramsch"-Einstufung wird nun vor spekulativen Investments gewarnt. Je schlechter die konkrete Note in diesem Bereich ist, desto wahrscheinlicher sind Ausfälle. Viele Anleger und Fonds meiden "Ramsch"-Anlagen, weil die Risiken zu groß sind.

Für Regierung und Unternehmen in Brasilien dürften sich neue Kredite nun verteuern, da Geldgeber oft für ein schlechteres Rating einen höheren Risikoaufschlag verlangen. Das könnte vor allem den krisengeschüttelten Öl-Riesen Petrobras treffen, der einen Schuldenberg von 140 Milliarden Dollar vor sich herschiebt. Investoren gehen davon aus, dass die Herabstufung kurz- und mittelfristig negative Auswirkungen haben wird. "Das könnte womöglich das Ende einer Ära markieren, in der sich Regierung und Unternehmen im großen Stil billig Geld leihen konnten", sagte Fondsmanager Alexandre Pavan Povoa von der Vermögensverwaltung Canepa Asset Management. Petrobras Börsen-Chart zeigen-Aktien stürzten um 4,5 Prozent ab. Der brasilianische Leitindex gab mehr als 1 Prozent nach.

Präsidentin Rousseff: Zwei Drittel der Brasilianer wollen, dass sie geht
Brasiliens Finanzminister Joaquim Levy erklärte kurz nach der S&P-Mitteilung, die Regierung werde in den kommenden Wochen dem Kongress Einsparvorschläge unterbreiten, um im Haushalt 2016 einen sogenannten Primärüberschuss zu erreichen, bei dem Zinszahlungen ausgeklammert werden. Rousseff hatte noch im August ein Defizit angekündigt.

Landeswährung im freien Fall

Brasilien hat lange von einem Rohstoff-Boom profitiert und auch deswegen 2008 das "Investment Grade"-Siegel bekommen. Es war damals eine Bestätigung für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Mittlerweile schrumpft die Wirtschaft aber. Wegen des Bestechungsskandals bei Petrobras stehen viele Infrastruktur-Projekte still. Zudem schwächelt China als Hauptabnehmer der Rohstoffe.

Die brasilianische Währung hat dieses Jahr bereits ein Drittel ihres Werts verloren, und die Inflation ist mit fast 10 Prozent ein Problem für viele Brasilianer. Massen-Proteste gegen die Regierung sind die Folge. Laut Umfragen wollen zwei Drittel der Bürger, dass Rousseff geht. Sie war erst vor einem Jahr für eine zweite Amtszeit von vier Jahren gewählt worden.

S&P setzte den Ausblick für das neue Rating auf "negativ" und deutete damit die Möglichkeit weiterer Herabstufungen an. Die Agentur hatte erst vor knapp zwei Monaten vor einer Absenkung gewarnt. Es ist aber unüblich, dass diese dann so schnell kommt. Das signalisiert, wie groß die Wirtschafts- und Haushaltsprobleme des Landes sind.

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