Dienstag, 19. Juni 2018

Die Lehren aus dem P&R-Skandal Warum Anlagebetrüger so oft Erfolg haben

Der Containeranbieter P&R hat für den vermutlich größten Anlageskandal in Deutschland gesorgt
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Der Containeranbieter P&R hat für den vermutlich größten Anlageskandal in Deutschland gesorgt

Nach der Finanzkrise, den Skandalen um offene Immobilienfonds, Rettungsmaßnahmen für Kreditinstitute und immer neuen spektakulären Anlagebetrugsvorgängen könnte man meinen, dass inzwischen jeder Anleger hinreichend gewarnt wäre und Anlagebetrüger keine Chance mehr hätten. Dennoch gibt es jedes Jahr mindestens einen großen Anlageskandal. Alle diese Vorgänge haben Gemeinsamkeiten, die Anlegern als Leitlinie dienen können, um nicht selbst Opfer zu werden.

Diese Erkenntnisse sind im Grunde seit Jahren bekannt, und doch zeigt der vermeintlich größte Anlagebetrug aller Zeiten beim Containeranbieter P&R mit einem Schaden in Milliardenhöhe auf, dass sämtliche bisherigen Skandale nicht wirklich zu einer Verhaltensänderung der Anleger geführt haben.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Geschäftsführer der DVAM Vermögensverwaltung GmbH. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der individuellen Vermögensverwaltung und dem strategischen Finanzmanagement auf überwiegend langfristiger, makroökonomischer Basis. Aktuell hat Markus Schön ein Buch über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps "Twittern zur Planwirtschaft" geschrieben.

Natürlich rufen gerade die betroffenen Anleger sofort nach mehr Regulierung. Dabei haben aber gerade sie ihr Geld in Segmente investiert, in denen diese Regulierung bisher gescheut wird. Nicht umsonst spricht man vom Grauen Kapitalmarkt, der vielfach ein Sammelbecken für Anlagemodelle ist, die bei Licht besehen bestenfalls Spekulation, schlimmstenfalls sogar Betrug sind.

Was der Gesetzgeber tun muss

Die Schadenssummen werden immer größer, obwohl der Gesetzgeber den vermeintlich rettenden Rufen nach mehr Regulierung nachgekommen ist. Diese betrifft aber nur Segmente, in denen ohnehin teilweise schon sehr strikte Aufsichtsmechanismen durch BaFin und Bundesbank greifen. Der Graue Kapitalmarkt ist davon nicht betroffen und schafft es immer wieder, sich Regulierungsbemühungen zu entziehen. Dabei wäre es so einfach, dem einen gesetzlichen Riegel vorzuschieben: Jeder, der zu den Themen Geldanlage oder Krediten beraten will, müsste eine Genehmigung nach Kreditwesengesetz vorweisen können. Damit wäre eine Aufsicht durch die BaFin und Bundesbank sichergestellt, was für alle Beteiligten eine gute und transparente Lösung wäre. Schließlich kann man von Verbrauchern nicht zwingend erwarten, dass sie den Unterschied zwischen regulierten Instituten - Banken, Sparkassen oder Vermögensverwalter - und unregulierten und vielfach im Grauen Kapitalmarkt tätigen Anbietern auf den ersten Blick erkennen.

Müsste jeder Finanzvermittler eine behördliche Genehmigung vorweisen, wüsste jeder, der sich dann noch an einen nicht regulierten Anbieter wendet, dass er etwas Verbotenes tut. Entsprechend dürfte ihm klar sein, dass die Wahrscheinlichkeit, sein Geld zuzüglich der versprochenen Rendite wiederzuerhalten, extrem gering ist. Er könnte sich dann schon im Vorfeld auf den schwachen Trost vieler Anlagebetrugsopfer vorbereiten: Sein Geld ist ja nicht weg, es hat nur jemand anderes.

Worauf Anleger achten müssen

Viele Anleger machen es den Betrügern allerdings auch leicht, weil sie immer wieder gierig werden oder meinen, eine vermeintlich totsichere Expertise gefunden zu haben. Wenn das Zinsniveau bei null Prozent liegt, ist es einfach unmöglich, bei einer Neuanlage eine Kapitalgarantie und zusätzlich noch eine garantierte Verzinsung von 2,5 Prozent zu erhalten. Zwar gibt es Anbieter, die solche Wertzuwächse seit vielen Jahren ermöglichen, die seriösen unter ihnen garantieren diesen Anlageerfolg aber nicht und weisen auch auf zwischenzeitliche Schwankungen hin. Viele Anleger wollen dies aber einfach nicht hören, sondern hoffen stattdessen auf die Entdeckung einer Art geheimen Reichtumsformel. Diese kann es aber nicht geben: Zu den marktwirtschaftlichen Mechanismen an den Kapitalmärkten gehören Wertschwankungen, Zinsveränderungen und Zahlungsausfälle wie Tore zum Fußball. Selbst wenn man diese Gewissheit außen vor lässt, sollte man sich die Frage stellen, warum irgendjemand eine solche Formel, sollte sie existieren, mit anderen Anlegern teilen sollte.

Dennoch scheint die Aussicht immer wieder verlockend zu sein, den Kapitalmärkten ein Schnippchen zu schlagen. Langfristig gelingt dies nur wenigen Anbietern, und zwar meist solchen, die ohnehin schon stark reguliert sind und ihre Stärken und Schwächen transparent gegenüber ihren Anlegern darstellen. Ein Anbieter, der von sich behauptet, alles zu können, kann im Ergebnis nichts richtig. Spezialisierung ist auch im Bereich der Vermögensanlage eine Erfolgsgrundlage. Wenn dies noch mit einer Unabhängigkeit kombiniert wird, der Anbieter also nicht von eigenen Produkten abhängig ist, die im schlimmsten Fall noch miteinander im Wettbewerb stehen, ist schon viel erreicht.


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Der wichtigste Faktor, um zu vermeiden, Opfer von Anlagebetrug zu werden, ist der gesunde Menschenverstand. Wenn dieser noch um eine gewisse finanzwirtschaftliche Grundkenntnis erweitert wird, umso besser. Entsprechend sollte die Politik, statt immer neue Regulierungen einzuführen, lieber den Fokus auf die finanzwirtschaftliche Bildung legen, die gar nicht früh genug beginnen kann. Aber auch hier wäre es zu kurz gesprungen, nur nach dem Gesetzgeber zu rufen. Vielmehr liegt es auch in der Verantwortung des Einzelnen, an der finanzwirtschaftlichen Bildung mitzuwirken. Entsprechend sollte man das Sprichwort "Über Geld spricht man nicht" möglichst vergessen. Je mehr Menschen miteinander über Geld, Anlageerfolge, aber auch Misserfolge reden, desto besser. Je transparenter ein solcher Austausch stattfindet, desto realistischer wird die Gesamtbetrachtung, und man merkt schnell, dass auch andere bei ihrer Vermögensanlage nicht immer erfolgreich sind.

Anders als es unseriöse Anlageanbieter immer wieder suggerieren, gibt es keine hundertprozentige Erfolgsquote. Wertschwankungen tragen aber dazu bei, die Mechanismen an den Kapitalmärkten besser zu verstehen und umfassender vor Anlagerisiken geschützt zu sein. Diese einfachen Regeln zu beherzigen, reduziert die Gefahr, auf Anlagebetrüger hineinzufallen, erheblich.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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