Freitag, 20. Oktober 2017

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Österreich sammelt Milliarden ein Warum sich Investoren auf 100-Jahres-Anleihen stürzen

Hofburg, Wien

Auf der verzweifelten Suche nach Rendite packen sich Investoren immer häufiger extrem lang laufende Staatsanleihen in ihre Depots. Selbst mit 100-jährigen Bonds sammelten Österreich und Argentinien kürzlich Milliardengelder ein. Kanada denkt über einen neuen 50-jährigen Schuldschein nach und Experten erwarten, dass auch die USA bald mit einem solchen Wertpapier an den Markt gehen.

Für die Länder sind solche Papiere interessant, weil sie sich über einen langen Zeitraum niedrige Zinsen sichern und so vergleichsweise wenig für ihre Schulden bezahlen. Fachleute warnen aber Investoren vor einem unberechenbaren Risiko bei dieser Form der Geldanlage.

"Es ist eine klare Tendenz hin zu ultra-langen Anleihen zu erkennen", sagt Analyst Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. "Vor der Finanzkrise war das höchste der Gefühle eine 30-jährige Anleihe. Inzwischen finden selbst Länder mit einer höheren Verschuldung Abnehmer für länger laufende Bonds."

Im Oktober 2016 emittierte Italien eine 50-jährige Anleihe - obwohl die dortigen Banken in einer schweren Krise stecken und das Land so stark verschuldet ist, wie kaum ein anderer Staat in Europa. Argentinien, das schon mehrfach bankrott war, sammelte im Juni 2,8 Milliarden Dollar ein, die erst im Jahr 2117 zurückgezahlt werden müssen. Das Interesse an der Jahrhundert-Anleihe war riesig, das argentinische Finanzministerium hatte Bestellungen von rund zehn Milliarden Dollar.

Auslöser für den Trend sind die extrem niedrigen Leitzinsen. In der Euro-Zone liegen sie auf einem Rekordtief von 0,0 Prozent, in den USA zwischen 1,0 bis 1,25 Prozent. "Die Anleihe-Emittenten wollen sich die derzeit niedrigen Zinsen über einen möglichst langen Zeitraum sichern", sagt Analyst Dirk Gojny von der National-Bank.

So rechnet die österreichische Finanzagentur vor, dass sie der 100-jährige Schuldschein mit rund 2 Prozent Rendite nur ein Drittel von dem kostet, was sie in den vergangenen 40 Jahren im Schnitt für zehnjährige Anleihen an Investoren bezahlen musste. "Für den Steuerzahler ist das toll", sagt Finanzagentur-Sprecher Christian Schreckeis.

Für viele EU-Länder sind ultra-lange Anleihen mittlerweile zur gängigen Praxis geworden. Neben Italien und Österreich emittierten Belgien, Irland, Spanien und Frankreich Bonds mit Laufzeiten von mehr als 30 Jahren.

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