Dienstag, 24. Oktober 2017

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EZB pumpt Staatsanleihenmarkt auf "Wenn diese Blase platzt, fliegt das Finanzsystem in die Luft"

Sorge an den Finanzmärkten: Die Kurse vieler Staatsanleihen sind in bedenkliche Höhen gestiegen

Der Blick auf den Markt für Staatsanleihen bereitet Finanzexperten derzeit größte Sorge. Die Kurse sind in astronomische Höhen geklettert, das Zinsniveau bewegt sich vielfach unterhalb der Nulllinie. Ein möglicher Einbruch der Kurse, so scheint es, könnte verheerende Folgen haben. Mit Harald Preißler, Chefvolkswirt und Leiter des Anlagemanagements beim Vermögensverwalter Bantleon, sprach manager-magazin.de über die Gründe und Hintergründe dieser gefährlichen Entwicklung sowie über die Frage, welche Auswege es gibt.

Harald Preißler
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    Rainer Wolfsberger
    Harald Preißler studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg mit den Schwerpunkten Geldpolitik, Konjunktur- und Wachstumstheorie, mathematische Wirtschaftstheorie sowie empirische Wirtschaftsforschung. Seit 1999 arbeitet er bei der Bantleon Bank, inzwischen als Chief Investment Officer, Chefvolkswirt und Leiter des Anlagemanagements.

mm.de: Herr Preißler, wie dramatisch ist die Situation momentan an den Anleihemärkten?

Preißler: Das ist eine sehr schwierige Frage. Man ist schon versucht zu sagen, was wir zurzeit sehen, ist die Mutter aller Blasen. Und wenn die schlussendlich platzt, wird das gesamte Finanzsystem in die Luft fliegen, das steht fest. Das unterscheidet diese Blase von allen anderen: Die Sprengkraft wäre beispiellos.

mm.de: Was genau meinen Sie mit: Das Finanzsystem würde in die Luft fliegen?

Preißler: Weil sich die Bewertung sämtlicher Assets wie Aktien, Währungen und aller Derivate am Zinsniveau orientiert. Wenn also die Zinsen plötzlich kräftig steigen, dann hat das Auswirkungen auf alle Assetklassen. Das ist der Unterschied zur Dot-Com-Blase oder der Subprime-Blase. Dort waren die Ausstrahlungen im Vergleich dazu begrenzt.

mm.de: Wird es so kommen?

Preißler: Wir müssen zunächst schauen, mit welcher Art von Blase wir es hier zu tun haben. Das beginnt beim Thema Überbewertung, die wir definitiv haben. Anders als bei Spekulationsblasen üblich besteht aber keine Euphorie. Im aktuellen Fall gibt es eher ein verzweifeltes Mitmachen, weil die Akteure keine Alternative sehen.

mm.de: Das macht die Gefahr allerdings nicht geringer.

Preißler: Das ist richtig. Entscheidend ist aber: Diese Blase wird nicht durch waghalsige Investoren befeuert, sondern durch die Zentralbanken. Auch dieser Umstand macht sie mit anderen Blasen schwer vergleichbar. Ein Platzen ist zwar auch in diesem Fall möglich, aber es ist eben nicht zwingend. Wir haben es hier schließlich mit Notenbanken zu tun, die die niedrigen Zinsen bewusst einsetzen. Notfalls könnte die Geldpolitik den Staatsanleihenmarkt auch komplett übernehmen und das Problem auf diese Weise gewissermaßen wegdefinieren. Japan beispielsweise geht ja bereits in diese Richtung.

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