Donnerstag, 18. Oktober 2018

Leitzins-Schere zwischen USA und Europa Fed-Chef deutet stärkere Zinssteigerung an

Fed-Chef Jerome Powell deutet stärkere Zinssteigerungen als bisher an

Der Schere zwischen dem Leitzins-Niveau in den USA und Europa dürfte bald noch weiter aufgehen. Das legen die jüngsten Bemerkungen des US-Notenbankchefs Jerome Powell und des finnischen Notenbankchefs nahe - was an den Märkten für starke Reaktionen und kräftige Ausschläge bei Staatsanleihe-Renditen sorgt.

Glasklare Ansagen gibt es - wie meist bei Debatte rund um Leitzinsen - nicht. Allerdings streute die Fed-Führung nun deutliche Hinweise, dass die Leitzinsen in den USA wegen der dort anhaltend guten Wirtschaftslage möglicherweise stärker steigen könnten als bisher vermutet.

Genau dieses Szenario deutete der Chef der amerikanischen Notenbank Fed, Jerome Powell, am späten Mittwochabend in einer Rede in Washington an. Die Vereinigten Staaten durchlebten eine bemerkenswert positive Wirtschaftslage. "Es gibt wirklich keinen Grund zu der Annahme, dass dieser Zyklus nicht noch einige Zeit fortgesetzt werden kann."

Die USA befänden sich in "außergewöhnlichen Zeiten" mit einer niedrigen Inflation und sehr geringer Arbeitslosigkeit. Das Zinsniveau unterstütze immer noch die Konjunktur, aber es bewege sich allmählich auf neutrales Niveau zu, sagte Powell. "Wir könnten über Neutral gehen. Aber aktuell sind wir wahrscheinlich noch weit von diesem Punkt entfernt."

EZB will bis September 2019 bei Niedrigstzins bleiben

Die Fed veranschlagt das neutrale Zinsniveau gegenwärtig bei etwa drei Prozent. Dieser Punkt kennzeichnet das Zinsniveau, auf dem die Wirtschaft weder gebremst noch angeschoben wird. Derzeit liegen die Leitzinsen der Fed in einer Spanne zwischen 2,0 und 2,25 Prozent. Viele Beobachter waren bisher davon ausgegangen, dass die Fed ihren Straffungskurs im Laufe des kommenden Jahres beenden wird, weil dann das neutrale Niveau erreicht sein dürfte. Dieses Szenario wird durch Powells Bemerkungen in Frage gestellt.

Die europäische Zentralbank EZB hingegen will noch gut ein Jahr bei ihrem aktuellen Niedrigzinsniveau bleiben. Diesen EZB-Kurs in der Zinspolitik bekräftigte der finnische Notenbankchef Olli Rehn. "Die Erwartungen der Finanzmärkte an den Zeitpunkt des ersten Zinsanstiegs stimmen derzeit mit den Erklärungen des EZB-Rates überein", sagte Rehn heute.

Die Leitzinsen würden bis mindestens Ende September 2019 auf ihrem gegenwärtigen Niveau bleiben. Die Notwendigkeit für eine Steuerung der Markterwartungen an den Kurs in der Geldpolitik mittels einer erweiterten Prognose werde aber abnehmen, wenn die EZB ihrem Ziel einer Inflation von knapp zwei Prozent ausreichend näherkomme.

Die EZB will noch bis mindestens über den Sommer 2019 an ihrem Leitzins nicht rütteln, der seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegt. Sie rechnet zudem nicht damit, vor Ende des Jahrzehnts ihr Inflationsziel zu erreichen.

An den Finanzmärkten führten die Äußerungen Powells bereits am Mittwoch zu starken Reaktionen, die sich am Donnerstag auf die asiatischen und europäischen Märkte übertrugen. In den USA stieg die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen erstmals seit 2011 über die Marke von 3,2 Prozent. In Asien und Europa erhöhten sich die Kapitalmarktzinsen ebenfalls deutlich. Der amerikanische Dollar profitierte von der Entwicklung und wertete auf.

wed/dpa/Reuters

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