Mittwoch, 29. März 2017

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Krankenhäuser werfen Kassen Betrug vor Abrechnungsbetrug verhindert niedrigere Kassenbeträge

Stimmen die Abrechnungen? Krankenkassen sollen Ärzte massiv beeinflussen, damit sie Patienten auf dem Papier kränker machen als sie sind. Die Kassen würden so mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds kassieren
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Stimmen die Abrechnungen? Krankenkassen sollen Ärzte massiv beeinflussen, damit sie Patienten auf dem Papier kränker machen als sie sind. Die Kassen würden so mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds kassieren

Der Krankenkassenbeitrag könnte 0,3 Prozentpunkte niedriger liegen, wenn die Kassen selbst nicht systematisch manipulierten - sagt der Chef der Techniker Krankenkasse. Jens Baas löst mit dieser Aussage einen Sturm der Entrüstung aus. Kommunale Krankenhäuser rufen nach dem Staatsanwalt.

Die kommunalen Krankenhäuser werfen den Krankenkassen in Deutschland systematischen Abrechnungsbetrug. Angeblich sollen die Kassen jährlich Beitragsmittel von mehreren hundert Millionen Euro genutzt haben, um sich ungerechtfertigte Zahlungen zu sichern. Dies sei kein Kavaliersdelikt, sondern könne das Vertrauen der Versicherten in die Seriosität der Kostenträger erschüttern, sagte am Montag die stellvertretende Vorsitzende des Interessenverbandes kommunaler Krankenhäuser, Susann Breßlein.

"Wir Krankenkassen schummeln ständig": TK-Chef Jens Baas

Der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" eingeräumt: "Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren." Dann gebe es mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich.

Das funktioniert laut Baas zum Beispiel so: So zahlten die Kassen den Ärzten 10 Euro je Fall, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machten als er tatsächlich ist. "Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall", sagte Baas in dem Interview.

Dabei würden die Kassen die Ärzte bitten, die Codierung für die Abrechnung zu "optimieren". Manche Kassen suchten die Ärzte zu diesem Zweck sogar persönlich auf. Auch gäbe es Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel hätten. Für all das hätten die Kassen seit 2014 eine Milliarde Euro ausgegeben, die für die Behandlung der Patienten fehle.

Breßlein nannte es empörend, dass der TK-Chef das Eingeständnis systematischen Abrechnungsbetrugs "so beiläufig erwähnte, als handele es sich um eine Ordnungswidrigkeit für Falschparken". Vor diesem Hintergrund erscheine es besonders zynisch, dass die Krankenkassen Millionen Euro von den Kliniken zurückhielten, deren Abrechnungen sie ihrerseits anzweifelten.

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