Mittwoch, 28. September 2016

Leipziger Internet-Imperium Unisters (viel zu) schöne Tochter

Unter dem Dach von Deutschlands größtem Online-Reisevermarkter finden sich bekannte Töchter wie fluege.de, ab-in-den-urlaub.de oder Travel24.com

Kurz bevor die Unister-Tochter Travel24 an den Anleihemarkt ging, schoss deren Gewinn urplötzlich in die Höhe. Nun stellt die "Bilanzpolizei" DPR gravierende Fehler im Jahresabschluss fest.

Hamburg - Den Auftritt im "Deutschen Anleger-Fernsehen" kann man im Internet immer noch abrufen. "Wir planen den Bau von 25 Hotels in fünf Jahren", sagte damals Armin Schauer, der Chef von Travel24. "Und um den Anfang etwas komfortabler zu gestalten, haben wir uns entschieden, eine Anleihe in Höhe von 25 Millionen Euro zu begeben." - "Und was springt für die Anleger dabei heraus?", fragte die Moderatorin. - "Eine Rendite von 7,5 Prozent über die nächsten fünf Jahre", antwortete Schauer.

Es war ein durchaus verlockendes Angebot. Denn bei Travel24.com schien es sich damals - Ende August 2012 - um ein prächtiges Unternehmen zu handeln. Der Aktienkurs hatte sich binnen drei Jahren verzehnfacht, die Umsätze waren explodiert, und anders als bei vielen anderen Internetfirmen sprudelten sogar die Gewinne: Bei fast drei Millionen Euro lag das operative Ergebnis im ersten Halbjahr 2012, das machte eine Umsatzrendite von mehr als 20 Prozent.

Doch dann passierte Erstaunliches: Denn so schnell, wie der Gewinn gestiegen war, brach er nach der Platzierung der Anleihe auch wieder ein, nämlich um 95 Prozent im ersten Halbjahr 2013. Nach Steuern steckte die Firma da längst in den roten Zahlen. Zufall? Oder wurden die Bilanzen zwischenzeitlich bewusst geschönt, um das Unternehmen zum Zeitpunkt der Anleiheplatzierung besonders wertvoll aussehen zu lassen? Die Firma verneint dies.

Sagenhaftes Umsatzwachstum binnen weniger Jahre

Nun hat sich die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (im Finanzjargon "Bilanzpolizei") den 2012er-Abschluss von Travel24 vorgeknöpft - und gleich mehrere gravierende Verstöße gegen die Grundsätze der guten Bilanzierung festgestellt. Prägnantestes Beispiel: Der Vorstand um Schauer wurde laut DPR gar nicht direkt von der Travel24 bezahlt. Sondern vom Mutterkonzern Unister. Die Travel24 weist dagegen darauf hin, dass sie für die beim Mutterkonzern Unister angestellten Vorstände schon seit 2009 aufgrund eines Dienstleistungsvertrages eine monatliche Pauschale in Höhe von 50.000 Euro an die Unister GmbH zahlt, unter anderem für Managementleistungen.

Doch der Reihe nach: Unister - Deutschlands größtes Online-Reisebüro mit Webportalen wie fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de - erwirbt 2009 die damals von der Insolvenz bedrohte Travel24. In den Folgejahren legt die neue Tochter ein sagenhaftes Wachstum hin, der Umsatz steigt von rund 800.000 Euro auf etwa 29 Millionen Euro. Brancheninsider erklären das damit, dass Unister seine User offenbar im großen Stil auf die Portale der Tochter (zum Beispiel travel24.com) gelotst und damit deren Erträge gepimpt habe.

Wie aus der schönen Tochter eine hässliche wurde

Die Kleinanleger jedenfalls griffen zu. Womit Travel24, so schaut es aus, ihren Zweck für die Mutter erfüllt hatte. Denn nun wurde aus der schönen Tochter plötzlich eine hässliche. Nicht nur der Gewinn brach ein. Sondern, so geht aus dem Jahresabschluss hervorgeht: Nun floss plötzlich - woher auch immer, nach Stellungnahme von travel24 jedenfalls nicht aus den Anleihegeldern - Cash von der Tochter zur Mutter: 3,3 Millionen Euro erhielt Unister für Marken- und Domainrechte. 950.000 Euro für ein sogenanntes "Hotelkonzept".

Und "Forderungen" der Tochter gegenüber der Mutter erhöhten sich auf acht Millionen Euro - auch das deutet darauf hin, dass Geld an die Unister ging. Die Travel 24 weist dagegen in einer Stellungnahme darauf hin, dass die Gelder aus der Anleihe der Travel24 aus dem Jahr 2012 vollständig gesichert und wie vorgesehen bei der Travel24 Hotel AG seien.

"Für mich hat das alles ein Geschmäckle", sagte Professor Michael Olbrich, Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung in Saarbrücken. "Mir drängt sich der Verdacht auf, dass bei Unister und Travel24.com massive Bilanzpolitik betrieben worden sein könnte, womöglich, um Unternehmensteile attraktiv erscheinen zu lassen in Phasen, in denen man am Kapitalmarkt Geld eintreiben wollte."

Seltsame Anteilsverkäufe kurz vor Anleiheemission

Was für diesen Verdacht spricht: Kurz vor der Anleiheemission verkaufte Unister zusätzlich 46 Prozent der Travel24-Anteile für insgesamt 30 Millionen Euro. Das allerdings nicht an unbedarfte Kleinanleger. Sondern an einen Schweizer Fonds und die Privatbank Metzler (die Wert legt auf die Feststellung, im Auftrag eines Kunden tätig geworden zu sein). Metzler verkaufte wenige Monate zurück an Unister.

Sollten die Hotels, derentwegen die Anleihe einst begeben wurden, je gebaut werden? In Leipzig und Köln wurden zwei Grundstücke gekauft. Doch von den angekündigten "Budget-Design-Hotels" ist hier und anderswo nichts zu sehen. Travel24 spricht von Verzögerungen, die "baulicher Natur" seien. Die Anleger verlieren allmählich die Geduld: Die Travel24-Anleihe, begeben zum Nominalkurs von 100, bewegte sich zuletzt zwischen 65 und 70.

Die Ohrfeige durch die DPR gesellt sich zu anderem Ärger, den das Top-Management derzeit abseits des Kerngeschäfts hat: Im Januar hatte die Staatsanwaltschaft in anderer Sache Antrag auf Klageerhebung gegen fünf Unister-Manager bei Gericht gestellt - darunter Unternehmensgründer Thomas Wagner. Dabei ging es unter anderem um den unerlaubten Vertrieb von Versicherungsprodukten und strafbare Werbung. Eine Entscheidung des Gerichts, ob es die Klage zulässt, steht noch aus.

Anmerkung der Redaktion: Der vorliegende Artikel wurde nachträglich geändert.


Gegendarstellung
zum Artikel "Unisters (viel zu) schöne Tochter" vom 22. Juli 2014.

Es heißt dort unter Bezugnahme auf die Feststellung der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) zu unserem Jahresabschluss 2012:

"... Die (sc. unsere Vorstände) standen ... auf der Payroll der Mutter (sc. Unister Holding GmbH), 'ohne dass Bezüge an Travel24 weiterbelastet' worden seien."

Hierzu stellen wir fest:

Unser Vorstand hat einen Anstellungsvertrag mit der Unister Holding GmbH. Für die Tätigkeit bei uns zahlen wir eine monatliche Pauschale an die Unister GmbH, eine andere Tochtergesellschaft der Unister Holding GmbH.

Leipzig, den 26.08.2014

Für die Travel24.comAG

Armin Schauer, Vorstand

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