Montag, 25. Juli 2016

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Namens-Klau beim Onlineshopping Identitätsdiebstahl - was tun, wenn Betrüger meinen Namen nutzen?

Big Data: Wenn Kriminelle persönliche Daten unbeteiligter Dritter nutzen, spricht man von Identitätsmissbrauch. Bei einem Identitätsbetrug im Online-Handel zum Beispiel gibt der Täter den Namen eines Dritten an und lässt sich die Ware an eine andere Anschrift schicken: Der Händler muss im eigenen Interesse prüfen, ob diese Lieferaddresse seriös ist

Je mehr persönliche Daten im Netz kursieren, desto größer ist das Risiko des Identitätsmissbrauchs: Wenn Kriminelle unter falschem Namen Waren bestellen, bleibt der Händler meist auf der unbezahlten Rechnung sitzen. Doch auch dem nichtsahnenden Namensgeber drohen Ärger und ein negativer Eintrag bei der Schufa, Deutschlands größter Finanz-Auskunftei. Josef Hovenjürgen, Abgeordneter der CDU im Landtag Nordrhein-Westfalens, wurde selbst Opfer von Identitätsmissbrauch und erhebt Vorwürfe gegen die Schufa. Die Stellungnahme der Schufa lesen Sie im Anschluss an das Interview.

mm.de: Herr Hovenjürgen, Sie sind selbst Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden. Was ist passiert?

Hovenjürgen: Ich habe Mitte des Jahres meine Bank gewechselt; daraufhin wurde ich vor Schufa-Einträgen gewarnt - es ging um Vorgänge aus dem Januar und März 2015. Im einen Fall waren es 590 Euro, im anderen Fall 480 Euro. Ich habe dann das entsprechende Formular aus dem Internet geladen, ausgefüllt und zusammen mit einer Kopie meines Personalausweises an die Schufa geschickt. Daraufhin habe ich erfahren, dass es tatsächlich zwei Einträge von Unternehmen und Adressen gab, die mir nichts sagten. Dann habe ich Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

mm.de: Woher kamen denn die Geldforderungen gegen Sie? Wer hat in Ihrem Namen bestellt und nicht bezahlt?

Josef Hovenjürgen
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    Josef Hovenjürgen ist stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Er ist außerdem Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft, Mittelstand, Energie und Handwerk.
Hovenjürgen: Jemand scheint in meinem Namen eine falsche Liefer- und Rechnungsadresse angegeben zu haben. Dort ist dann auch der gesamte Postverkehr mit dem Händler hingegangen: Bestellt wurden zwei Paar Nike-Turnschuhe und ein Goldbarren. Und was mich eben am meisten ärgert, ist, dass die Schufa einfach meinen Namen und mein Geburtsdatum zusammen mit einer falschen Adresse in Zusammenhang bringt und mir zuordnet, obwohl die Adressenlage dafür keinen Anlass gab.

mm.de: Was haben Sie daraufhin unternommen?

Hovenjürgen: Ich habe mich bei der Schufa beschwert und habe darauf hingewiesen, dass sie ihre Sorgfaltspflicht grob vernachlässigt hat. Selbst wenn ich jemanden beschenken will, ist doch die Rechnungsadresse immer noch die meinige. Wenn dann das gesamte Mahnverfahren an die Lieferadresse geht, ist das abseits jeder Gründlichkeit, abseits jeder Verpflichtung, nachzuforschen, denn der folgende Schufa-Eintrag kann erhebliche Auswirkungen für den Betroffenen haben.

mm.de: Der Gesamtschaden, der durch den Identitätsmissbrauch entstanden ist, beläuft sich also auf 1070 Euro?

Die Schufa
Das Kürzel SCHUFA steht für "Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung". Die Schufa sammelt Daten von rund 66 Millionen Privatpersonen und 4,3 Millionen Unternehmen. Mieter müssen häufig eine positive Bonitätsauskunft der Schufa vorlegen, wenn sie eine Wohnung mieten wollen. Zudem holen Banken Informationen bei der Schufa ein, bevor sie mit Kunden Kredit- oder Baufinanzierungsverträge vorlegen.
Hovenjürgen: Ja - wobei: Der Schaden ist ja nicht mir entstanden, sondern dem Versandhandel. Was mir aber an Schaden hätte entstehen können, ist, dass mich die Bank, mit der ich wegen einer Immobilienfinanzierung im Gespräch war, abgelehnt hätte und ich dadurch einen Zinsverlust hätte in Kauf nehmen müssen. Und ich hätte nicht einmal gewusst, warum ich abgelehnt wurde. Dieser Vorwurf ist der Schufa massiv zu machen. Wenn ich aber durch die Schufa einen Zinsschaden erlitten hätte, hätte ich Schadenersatz bei der Schufa geltend gemacht. Da es um eine Immobilienfinanzierung geht, wäre das über die nächsten 20 Jahre sehr teuer geworden.

mm.de: Wie können Sie sich in Zukunft vor Identitätsmissbrauch schützen?

Hovenjürgen: Die Schufa hat mir dann einen Vorschlag gemacht: Ich könnte - gegen Gebühr! - einen speziellen Dienst in Anspruch nehmen, der mich immer dann informieren würde, wenn jemand Ansprüche gegen mich erhebt.

mm.de: Hätten Sie als Betroffener des Identitätsdiebstahls nicht auch von den Inkassobüros gewarnt werden können?

Hovenjürgen: Das ist die Argumentation der Schufa - die sagt, sie hätte Hinweise auf Störungen in meinem Datenblock an die Inkassobüros gegeben. Die Inkassobüros haben das bestätigt. Nur: Sie wissen nicht, was in meinem Datenblock gestört ist. Und sie hatten auch von der Schufa nicht meine tatsächliche Adresse erhalten, unter der sie sich mit mir hätten in Verbindung setzen können.

mm.de: Ist denn das Problem jetzt ausgestanden? Kann Ihr Name nicht mehr missbraucht werden?

Hovenjürgen: Wir haben jetzt einen Eintrag machen lassen, dass bei mir ein Adressenmissbrauch vorlag. Und jeder, der auf meinen Datensatz Bestellungen erhält, muss prüfen, ob da Abweichungen sind. Ob das jetzt tatsächlich ein Schutz ist, können Sie mich fragen, wenn ich die nächste Schufa-Abfrage gemacht habe.

mm.de: Wer ist denn verantwortlich? Der Betroffene, weil er so großzügig mit seinen Daten umgeht? Der Händler, weil er auf die Nennung eines Geburtsdatums Ware ausliefert? Die Schufa? Oder der Gesetzgeber?

Hovenjürgen: Den Händler würde ich nicht in die Verantwortung nehmen wollen - er arbeitet mit Realnamen, vorhandenen Adressen und existierenden Geburtsdaten. Dass es die falsche Adresse war, kann der Händler nicht überblicken. Der Betroffene - in dem Fall ich - kann sich da im Moment nicht schützen: Mein Lebenslauf steht in Wikipedia und auf vielen anderen Internetseiten. Die Schufa ist meines Erachtens verantwortlich, weil sie sich auf den Standpunkt zurückzieht, sie würde ja nur Daten sammeln. In diesem Fall haben sie eben meiner real existierenden Adresse eine weitere Adresse hinzugefügt, ohne mich vorher zu fragen. Es wäre also das Mindeste, die Information über die Ergänzung des Datensatzes an die alte UND die neue Adresse zu schicken. Das tut die Schufa aber nicht und deshalb habe ich einen Haufen Lauferei und Ärger.

mm.de: Eine Möglichkeit, dem Thema beizukommen, könnte darin bestehen, den Versandhandel zu verpflichten, wenigstens die Erstbestellung nur per Nachnahme zu liefern.

Hovenjürgen: Das ist richtig - dann hätte man den Nachweis, dass das geklappt hat und dann könnten erst die Folgebestellungen auf Rechnungen geliefert werden.

mm.de: Wer ist denn jetzt am Zug?

Hovenjürgen: Am Zug ist der Gesetzgeber, da die Schufa nicht bereit ist, die Mängel abzustellen. Daher werden wir versuchen über den Bundesrat eine Gesetzesinitiative auf den Weg zu bringen. Wir müssen der Schufa hier die Grenzen aufzeigen. Und natürlich auch allen anderen, die dieses Geschäft betreiben.

mm.de: Das Thema Identitätsdiebstahl existiert seit Jahren - welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Ihren persönlichen Erfahrungen und unserer allgegenwärtigen Datensammelei - der Vorratsdatenspeicherung, Bank- und Fluggastdaten,Facebook, Google, Skype, der Gesundheits- und Verkehrstelematik, den intelligenten Gebäuden und dem 'Internet der Dinge'?

Hovenjürgen: Mir macht es Sorgen, weil die Möglichkeiten zunehmen werden, fremde Identitäten für sich in Anspruch zu nehmen oder auch zu ändern. Darauf sind Schufa und andere Unternehmen möglicherweise gar nicht vorbereitet. Aber die, die den Missbrauch betreiben- die entwickeln sich jeden Tag weiter. Offensichtlich tun das unsere Schutzmechanismen nicht. Also müssen wir hier viel schneller werden. Und wir müssen viel sorgfältiger mit unseren Daten umgehen.

Der Autor Joachim Jakobs hat das Buch "Vernetzte Gesellschaft. Vernetzte Bedrohungen - Wie uns die künstliche Intelligenz herausfordert" verfasst. Es ist im September 2015 im Cividale-Verlag erschienen.

Anmerkung der Redaktion: Die SCHUFA hat zu den von Herrn Hovenjürgen erhobenen Vorwürfen uns gegenüber ausführlich Stellung genommen, war jedoch mit einer redaktionellen Bearbeitung ihrer Ausführungen nicht einverstanden, sondern bestand auf einer Veröffentlichung "in vollem Umfang und ungekürzt". Dies ist für uns aus redaktionellen Gründen nicht akzeptabel. Wir können die Stellungnahme der SCHUFA daher im Folgenden nur sinngemäß widergeben:

Die SCHUFA verweist im Ausgangspunkt darauf, dass es üblich sei, dass Menschen bei der Bestellung von Waren im Internet von ihrer Wohnanschrift abweichende Adressen, etwa vom Arbeitsplatz oder Freunden, angeben. In der weit überwiegenden Mehrzahl liefen solche Bestellungen hinsichtlich der Bezahlung reibungslos. Eine von der Wohnanschrift abweichende Lieferadresse sei kein Indiz dafür, dass ein betrügerisches Verhalten vorliegt. Diesen Umstand nutzten Betrüger und versuchten, sich - unter Missbrauch einer fremden Identität - Waren an eine andere Adresse liefern zu lassen. Daher informiere die SCHUFA Unternehmen, wenn diese mit abweichenden Adressen zu einer Person anfragen. Die Unternehmen könnten dann genauer prüfen und ggf. eine Lieferung auf Rechnung ablehnen. Durch dieses Zusammenspiel von Handel und SCHUFA könne Betrug in vielen Fällen vermieden werden. Sollte eine betrügerische Handlung trotz aller Sicherungsmaßnahmen unentdeckt bleiben, dürften die Folgen der kriminellen Handlung des Betrügers jedoch nicht der SCHUFA angelastet werden. Auch wenn jemand bestohlen werde, sei dafür schließlich allein der Dieb verantwortlich zu machen. Vielmehr helfe der vorübergehende SCHUFA-Eintrag, den Betrug und Missbrauch einer Identität überhaupt erst zu erkennen und aufzuklären. Zugleich verhindere der Eintrag durch seine Sperrwirkung eine unbemerkte Fortsetzung der betrügerischen Handlungen. Da nach Erkennen des Missbrauchs der Datenbestand wieder vollständig bereinigt werde, entstehe demjenigen, dessen Daten missbraucht wurden, auch kein Schaden. Im Ergebnis weist die SCHUFA die Vorwürfe als "haltlos und sachlich unbegründet" zurück.

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