Sonntag, 4. Dezember 2016

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ICE-Chef Jeffrey Sprecher Der Mann, der die Pläne der Deutschen Börse noch durchkreuzen kann

Jeffrey Sprecher (links): Der Chef des Börsenbetreibers Intercontinental Exchange (ICE) könnte mit einem Gegenangebot für die Londoner Börse LSE die Übernahmepläne der Deutschen Börse noch vereiteln

Für einen Dollar kaufte sich Jeffrey Sprecher eine Terminbörse. Heute fürchtet ihn ihn auch Deutsche Börse-Chef Carsten Kengeter als einen der wenigen, der seine Londoner Übernahmepläne durchkreuzen könnte.

Als Jeffrey Sprecher sich 1997 für einen Dollar in die Welt der Börsen einkauft, ist nicht absehbar, dass der Chemieingenieur einmal zur Nummer eins im Terminhandel mit Strom, Gas, Öl und Zucker aufsteigen würde. Geradezu absurd die Vorstellung, dass er einmal die New York Stock Exchange (NYSE) kaufen und der Deutschen Börse, Europas Marktführer im Handel mit Finanzderivaten, das Leben schwer machen würde! Geradezu absurd der Gedanke, dass einer einmal die Finanzkraft entwickeln könnte, um als Bedrohung für Übernahmepläne der Deutschen Börse in London wahrgenommen zu werden.

Der Kosmos, in den Sprecher kurz vor der Jahrtausendwende eindrang, war geprägt von mächtigen Handelssälen; beherrscht von schreienden, wild gestikulierenden Tradern in bunten Jacken. Die Börsen waren Monopolisten in ihren Nischen. Altehrwürdige Institutionen, kontrolliert von eben jenen Händlern, die auf dem Parkett Kauf- und Verkaufsorders exekutierten, die Preise von Aktien und Terminkontrakten ermittelten, vor allem aber die Regeln festlegten, nach denen gehandelt wird.

Von dieser Welt ist so gut wie nichts mehr übrig. Und Sprecher hat wie kaum ein anderer zu ihrem Verschwinden beigetragen. Er nutzte die Deregulierungswelle, brachte die alte Ordnung mit hochleistungsfähigen Rechnern und Handelssystemen zum Einsturz und installierte sich selbst als neue Macht.

Elektronische Plattformen - wie Sprecher die Händlerwelt umstürzte

Seinen Feldzug startet Sprecher Mitte der 90er Jahre. Damals baut und betreibt er Kraftwerke in Kalifornien und sucht nach Wegen, seinen Strom in alle anderen US-Bundesstaaten zu verkaufen. Er findet eine elektronische Plattform, über die 63 lokale Versorger ihre Überschussproduktion anbieten und die pro Monat eine Million Dollar verliert. 1997 kauft er die Firma für einen Dollar und steckt vier Millionen Dollar seines eigenen Geldes in die Entwicklung eines internetkompatiblen Handelssystems.

Zu dieser Zeit gibt er auch seine liebste Nebenbeschäftigung auf, Autorennen der Formel Ford, nachdem er seinen Wagen bei einem Unfall erneut zerlegt hat. Er hakt diese Phase ab mit dem Satz: "Ich war ein furchtbar mieser Rennfahrer."

Der Durchbruch als Börsenbetreiber gelingt ihm drei Jahre später. Sprecher überredet Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen, Morgan Stanley, Société Générale und die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen, ihre Energiekontrakte über sein Start-up zu handeln, das mittlerweile unter dem Namen Intercontinental Exchange (kurz: ICE, sprich Eis) firmiert.

Der Preis für diesen Deal ist hoch: Sprecher überlässt seinen Aktionären im Gegenzug 90 Prozent seiner Firma - für lau. Auch später senkt er bei Übernahmen seinen Anteil, um die ICE groß zu machen. Weshalb er heute nicht zur Klasse der Milliardäre zählt, sondern nur Aktien im Wert von 270 Millionen Dollar kontrolliert.

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